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wirklich so

Ich wollte wissen, ob du wirklich so bist.

Das sagte mir eine Frau vor gut drei Jahren. Oder vier.
Wir trafen uns in München. Zu dritt.
Die dritte Frau wurde mir zu einer lieben und innigen Freundin.

Ich wollte wissen, ob du wirklich so bist.

Wir kannten uns aus alle drei aus einem Online-Kurs über Sichtbarkeit oder Marketing. Im Grunde egal.
Unser Treffen war ein Hinübertragversuch.
Das ist doch irgendwie so, oder?
Man lernt sich online kennen, wird neugierig oder ist sich einfach sympathisch, und startet bei einer Gelegenheit den Versuch, diese Sympathie auch ins echte Leben hinüber zu tragen.

Echtes Leben gefällt mir nicht.
Mein Online-Leben ist genauso echt, wie mein Leben in Fleisch und Blut.
Ich will es Fleischleben nennen.

Ich wollte wissen, ob du wirklich so bist…

Ich war komplett überrascht über diesen Ausspruch.
Und wenn ich auch einen lustiglachenden angenehmen Abend in Erinnerung zurück behalten habe, so ist mir im Detail vor allem dieser eine Satz zurück geblieben.

Ich wollte wissen, ob du wirklich so bist!

Eine seltsame Motivation, einen Menschen zu treffen. Und sie sagt gewiss viel mehr aus über den Mund, der diese Worte spricht, als über mich.

Ich schaute nur irritiert und sagte:
Ja wie soll ich denn sonst sein?

Dieser Satz ist mir haften geblieben, da mir in diesem Augenblick schlagartig klar wurde, wieviel Schein auch online produziert wird.
Klar wird es das.
Es sind ja Menschen, die sich online tümmeln.
Und meine Erkenntnis mag unendlich naiv klingen. Sie ist es gewiss auch. Doch die Tatsache, dass sich ein Mensch, der bereits viel online produziert, sich extra mit mir trifft, um heraus zu finden, ob ich auch in der Fleischwelt so bin wie in der virtuellen Welt, das gibt mir zu denken.

Das gibt es auch umgekehrt.
Vor einiger Zeit schrieb mir jemand, den ich nur von Facebook kenne:
Treffen wir uns, wenn du in Deutschland bist? Ich würde dich gerne kennenlernen. Ich bin im richtigen Leben viel sympathischer als ich hier beim Schreiben erscheine.

Diese Aussage finde ich genauso seltsam. Und ich muss zugeben, ich habe wenig Lust darauf, mich auf menschliche Recherche zu begeben.
Wie bist du denn nun im Fleischleben?
Sympathischer?
Weniger sympathisch?
Werter Mensch, wieso bist du überhaupt anders in den beiden Welten?

Ich wollte wissen, ob du wirklich so bist…

Tag 13 in Deutschland.

Wenn das heute endlich mit der Werkstatt und meinem Rückspiegel klappt, so fahre ich morgen weiter in Richtung Berlin.

Ich bin müde.
Sehr.

Die beiden letzten Tage habe ich mit lieben Freunden verbracht. Alte Klassenkameraden aus meiner Theaterschule. Zwei Tage mit Gauklern, Geschichten, Tanz, Musik, Zirkuszelt und Oberlichtwagen. Zwei Tage Oase einfacher Menschlichkeit in dieser verrückten Welt.

Auf der späten Rückfahrt zu meinem Basiscamp stand ich dann ewig im Stau. Ein Unfall. Schritttempo. Ich habe mich diesmal nicht verkrampft. Eingepfercht zwischen all diesen LKWs  hielt ich mich an den Worten eines Freundes fest. Akzeptiere den Stau. Der ist normal in Deutschland. Lass los und fahr durch.
Müde, müder, erschöpft.

Diese zwei Tage haben mir sehr gut getan. Ich sprach mit meiner Freundin über mein Stören, sie meinte nur, ich finde nicht, dass du störst.
Klar.
Sie ist selbst ein Mensch, der komplett mit der gesellschaftlichen Realität gebrochen hat. Weit krasser als ich womöglich.

Was wir sind…

Ich spiele gerne.
Wenn ich etwas erzähle oder erkläre, benutze ich oftmals das Schauspiel zur Verdeutlichung.
Aber ich weiss genau, dass ich jetzt spiele. Und mein Gegenüber weiss es auch.
Mein Spielen ist klar und deutlich abgetrennt von dem, wie ich sonst bin.

Ich komme aus dem Theater.
Ich finde nichts unerträglicher, als Menschen, die meinen, sie müssten die ganze Zeit spielen.
Im Theatermilieu gibt es auch viele dieser Menschen.
Es ist gruselig.

So mancher mag dies amüsant finden und manche Menschen aus der Nicht-Theater-Welt erwarten auch genau dies: Die Schauspieler und Gaukler werden uns schon das Fest erhellen, oder den Abend oder unsere Existenz oder was weiss ich.

Vor gut 15 Jahren in meinem anderen Leben, hatte ich ein Aupair-Mädchen.
Ja, es war ein wahrlich anderes Leben.
Sie war aus Deutschland und ihre Eltern kamen zu Besuch.
Mein Gatte und ich waren mitten in unserer Trennung.
Es war ein wahrlich schwieriger und unpassender Moment, um fremde Menschen mit ins Haus zu nehmen. Wir trafen die Entscheidung, diese uns fremden Menschen nicht gastfreundlich zu bekochen etc.

Unser Aupair verstand das sehr gut. Sie lebte ja mitten in unserer Situation.
Ihre Eltern aber waren offuskiert. (Ach, Computer sagt mir, dieses Wort gibt es nicht. Schon wieder ein französischer Schelm, der nicht einfach so ins Deutsche will.)
Wie soll ich das nennen? Ihre Eltern fanden unsere Haltung scheisse.
Falsch.
Sie fanden meine Haltung scheisse.
Denn ich bin immer die Leinwand, auf die projiziert wird. Nicht mein damaliger Gatte.

Sie sagten, ich könnte mich doch wohl für zwei Tage zusammenreissen und so tun, als sei alles in Ordnung, ich sei doch schliesslich Schauspieler, oder nicht?

Ja.
Ich bin Schauspieler.
Und genau aus diesem Grund ist es mir unendlich wichtig, zu wissen und frei zu entscheiden, wann ich spiele und wann nicht.

Denn ich habe lange Jahre auch in meinem Privatleben gespielt, bin mit Rollen verschmolzen, die nicht ich waren, nur um zu gefallen, nur um nicht anzuecken, nur um akzeptiert zu werden.
Es war eine schmerzhafte und lange lange lange Arbeit, um den Schauspieler wieder von mir selbst zu trennen. Um mich aus ihm heraus zu filtern.

Die überzeugendsten Rollen, die ich in meinem Leben gespielt habe, waren nicht die auf der Bühne, sondern Rollen in meinem Fleischleben. Meine Rolle als Gattin und werte Schwiegertochter war mitunter mein Glanzstück.
Wer ich selbst in dieser Ehe war, weiss ich nicht. Die Rolle, die ich aber spielte, war extraordinaire.
Oskarreif.

Das Spielen gehört zu mir seit meiner tiefsten Kindheit.
Nicht das Spielen des Kindes. Das sich amüsieren.
Nein.

Das Spielen der heilen Welt, das Aufrechterhalten der Fassade, das strenge Einhalten der häuslichen Grundregel « Was in diesen vier Wänden geschieht, das bleibt auch in diesen vier Wänden! »

Ich gehe meinem Tabubruch mit aufrechtem Schritt entgegen. Ich weiss es.
Vieles, was ich hier schreibe, ist bereits ein Tabubruch.

Dass ich endlich auch ein Buch schreiben möchte, in dem ich eintauchen möchte, wirklich eintauchen in diese Welt, die in mir als Kind zerbrochen ist und wie ich meine heutige Welt über viele Irrwege wieder aufgebaut habe und warum ich so bin, wie ich bin… Dieses Projekt ist der Gnadenstoss meines Tabubruchs.

Es ist ein altes Projekt, dass ich in mir trage.
Auf Französisch setzte ich mich bereits viel damit auseinander. Ich war ja geschützt. Die Beteiligten meines persönlichen Lebenstheaters verstehen kein Französisch.

Ich habe geübt. In einer fremden Sprache.

Seit drei oder vier Jahren, seit der Entstehung dieses Blogs, schreibe ich mich zu diesem Projekt hin. Ich schreibe mich frei.

Früher dachte ich, ich muss warten, bis meine Eltern gestorben sind.
Oder generell alle Beteiligten meines Familienspiels.
Aber ich kann doch mein Leben nicht aufschieben, bis es niemanden mehr gibt, den es stören könnte, was ich lebe?
Das ist eine echte Frage.

Schiebst du dein Leben auf, um nur ja niemanden damit zu stören?

Diese Frage trage ich momentan stark in mir.
Ich reibe mich an ihr.
Auch, wenn ich mich so frei und intensiv lebe, wie ich kann, so gibt es auch in mir noch viele Räume, die ich nicht bewohne, weil…
Weil es jemanden stören könnte.

Stören…
Da sind wir schon wieder. (hier)

Ich glaube, es ist wichtig, dass wir in unser Stören hinein hören.
Wir stören alle irgendwo.
Und wer nirgendwo stört, tut es in sich selbst.

Etienne, mein werter Lehrer, sagte mir einst:

Mirjana, du bist wie ein Chameleon auf einer schottischen Patchworkdecke.
Du passt dich an alles und jeden an, und am Ende wirst du sterben vor Erschöpfung.

Er hatte Recht.
So war ich damals.
Ich hatte mich verloren.
Ich musste den langen Weg zurück gehen, bis zur Weggabelung, an der ich mich verloren hatte.

Wir kommen nicht umhin.
Es gibt keinen anderen Weg als diesen.
Jedenfalls glaube ich an keinen anderen.

Wir müssen zurückgehen, uns suchen. Irgendwo stehen wir da, verlassen von uns selbst. Alleine.
Wir warten nur darauf, von uns selbst an der Hand genommen zu werden, mitgenommen zu werden in unsere Gegenwart.

Inzwischen sitze ich im Autohaus.
Mein Rückspiegel wird gerade ersetzt.
Dieser Spiegel…

Schau nicht zurück. Du siehst eh nichts.
Oder was hinter dir ist, liegt in Scherben.
Oder auch, du musst ganz genau hinschauen, um nach hinten zu sehen. Ich muss in die Scherbe schauen, um zu sehen, was hinter mir passiert.

Jeder Blick in diesen Rückspiegel bewegt mich.
Diese Reise ist eine Reise in meine Rückwelt.

Was ist das, das hinter mir liegt?
Kann ich es sehen?
Will ich es sehen?
Was davon lebe ich?
Was davon stört mich in meinem Leben?

Es war dieser Spiegel, der mich dazu brachte, hierher zu kommen, wo ich gerade bin.
Er hält mich so lange hier fest. Denn erst jetzt wird er wieder repariert sein. Und gut sein.
Ich werde wieder hinter mich blicken können. Ja, endlich. Nur ist es nicht mehr derselbe Spiegel.

Und ich bin nicht mehr derselbe Mensch.

Es fällt mir soviel leichter, in Frankreich zu schreiben.
Leichter ist nicht das richtige Wort.
Ich habe Abstand.
Ich schreibe einfach. Meine Worte sind zwar deutsch, doch ich selbst, mein Körper und mein Leben befinden sich dann ausserhalb dieses Deutsch.
Ich schreibe aus einem geschützten Raum.
Ich schreibe in einen Raum hinein, den ich selbst nicht spüren und leben muss.

Hier und jetzt, hier mitten in Deutschland, mitten in meiner Familiengeschichte, mitten in der deutschen Sprache – sie ist wirklich überall, logisch, doch für mich ist das komplett aussergewöhnlich- hier mitten in der Welt, in der ich als Kind und Jugendliche lebte, denn hier hänge ich fest, hier in den Dörfern meiner Erinnerung…

Hier ersticke ich fast, wenn ich schreibe.
Hier erst spüre ich, wie frech ich doch bin, auszusprechen.
Hier spüre ich mein Stören.
In Frankreich juckt es mich nicht.
Hier bekomme ich streckenweise Bauchweh vor Angst oder meine Stimme erstickt unter der Last auf meiner Brust. Hier weine ich ganz andere Tränen als in Frankreich.

Werde ich hier in Deutschland schreiben müssen, um mein Spüren auseinander nehmen zu können?
Daran dachte ich auch diese Tage.
Vielleicht werde ich sogar genau hierher kommen müssen.
Hier in diese Dörfer.
Hier in diese Enge in mir.
Es graut mich davor. Und gleichzeitig sehe ich ja, was gerade alles in mir passiert.

Ich steige in meine Abgründe.

Ich kenne sie in- und auswendig.
Ich habe sie durchforstet und aufgearbeitet.
Sowohl auf deutsch als auch auf französisch.
Der Abgrund ist nichts Negatives für mich.
Ich bin es so Leid, dass manche Worte gleich mit etwas Schlimmem assoziiert werden. Ich mag keine blümeligen netten Worte suchen, die meinen Lesern helfen, durch meine Gedanken zu glitschen. Diese liebe nette reibungslose glitschige Wortwelt kotzt mich an.
Ist einfach so.

Warum nicht die Dinge beim Namen nennen?
Wozu schönreden, was nicht schön ist?
Ist es nicht zutiefst erleichternd, das auszusprechen, was wir in uns tragen?
So, wie wir es empfinden?
Ist es nicht genau dieses Aussprechen, das es unserem Gegenüber dann ermöglicht, auf uns zu reagieren? Mit uns in Kontakt zu treten?
Ist nicht genau dieser Kontakt, diese Begegnung, genau das, was wir Menschen suchen?
Und ja, ich sage frech, dass nur das Begegnung ist.
Alles andere ist etwas anderes. Irgend so ein Scheiss, den ich jedenfalls nicht leben möchte.
Ich will es nicht.

Manchmal muss ich es.
Denke ich an meine Mutter, dann frage ich mich, wie oft ich ihr bereits begegnet bin?
Meine Mutter ertränkt alles in einem nie endend wollenden lauten Wortschwall.

Meinem Vater bin ich einmal begegnet in meinem Leben. Zwei Jahre vor seinem Tod.
15 Minuten lang.
Nahezu wortlos.
Lebendig in der Berührung und im gemeinsamen Atem.
Ich bin dankbar für diese 15 Minuten. Sie haben all den Rest aufgewogen.

Ich bin meinem Vater ein einziges Mal begegnet.
Gesehen habe ich ihn weit öfters.

Meinem Bruder bin ich vor ein paar Tagen begegnet.
Zum ersten Mal.
Nahezu wortlos.
Lebendig in der Berührung…
Und im gemeinsamen Atem…
Ich bin zutiefst glücklich darüber.

Ich habe noch einen weiteren Bruder…
Und eine Schwester…

Worte.
Sie bauen Brücken und sie trennen uns.

Worte…
Was sind Worte?
Ich höre zu und lausche dem Klang. Oftmals klaffen Klang und Wort auseinander.

Mir sagt der Klang eines Menschen weit mehr als das Wort, das er mir freundlicherweise vor die Füsse legt. Zur Ablenkung.
Ich höre weit mehr in der Stille einer Berührung als im lauten Erzählen einer Geschichte.
Ich höre weit mehr von der Realität eines Menschen, wenn ich seinem Atem lausche.
Wenn er mir seinen Klang offenbart.

Mein Auto ist fertig.
Der Spiegel ist wieder repariert.
Ich werde wieder klar sehen.
Zumindest auf der Strasse.

Morgen fahre ich nach Berlin.
Ich werde all das hier hinter mir lassen.
Ich sehe es jetzt.
Ich kann weitergehen.
Ich habe meine Lektion verstanden.
Mein Blick geht wieder nach vorne.
Wie dieses Vorne aussieht, weiss ich nicht.
Aber das macht nichts.
Ich werde es entdecken, je weiter ich ihm entgegen gehe.

Mein Vorne.
Meine Zukunft.
Was auch immer das ist.
Deshalb fahre ich nach Berlin.
Um an meiner Zukunft zu arbeiten.

Es ist gut.
Ich bin bereit.
Ich komme mit meinen Scherben, die ich soweit wieder aufgelesen habe.
Ich weiss, dass sie trotzdem da sind.
Aber sie hindern mich nicht mehr.
Sie sind Teil von mir.

Ich wollte wissen, ob du wirklich so bist…

Ja.
Ich bin wirklich so.
Ich bin sogar noch viel schlimmer.

Und ich bin es gerne.

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