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verbindlichkeit

Diese Tage gehen mir viele Gedanken über Verbindlichkeit durch den Kopf.
Ich organisiere meine Kurse in Ausdrucksarbeit für 2018 und bin plötzlich mit dem Verfassen von AGB’s konfrontiert.
Ich soll meine Regeln aufstellen.

Ich mag Regeln.
Sehr sogar.

Sie geben mir eine innere Ruhe.
Wenn ich etwas Neues ausprobiere oder an einen neuen Ort komme, dann brauche ich zuerst die Regeln.
Wie ist der Rahmen, der mir geboten wird?
Was sind die Gesetze?
Wie ist die Struktur?
Wo finde ich was?

Wenn ich darauf Antworten habe, dann bin ich ruhig und gelassen. Alles andere ist mir egal. Das entsteht dann ja im Moment. Und den lebe ich, wenn er kommt. Dann muss ich nicht mehr denken, denn die Rahmenbedingungen habe ich vorab integriert.

Wenn ich die Regeln nicht kenne, dann werde ich unruhig. Meine Aufmerksamkeit wird aufgesogen von meiner Orientierungssuche. Ich versuche, die Form zu verstehen und verliere dadurch den Inhalt.

Wenn ich mit Menschen arbeite, stelle ich Unmengen von Regeln auf.
Ich mache es ganz bewusst. Vor allem am Anfang, wenn sie es noch nicht gewohnt sind, mit mir zu arbeiten. Mit der Zeit werden die Regeln spärlicher. Die Menschen haben die Grundregeln integriert. Ab dem Augenblick ist die Basis sicher und wir können aufbauen.

Meine Regeln haben zweierlei Sinn.

Wenn ich meine Schüler mit Regeln überschütte, so liegt der Sinn meistens darin, ihr Denken so sehr in Anspruch zu nehmen, dass ihr Hirn überbeschäftigt ist. Innerlich geschieht dann Folgendes: das Denken wird ausgetrickst und der Körper macht in Ruhe seine Arbeit. Der Kopf implodiert und schwenkt von angestrengtem Grübeln in die Bewusstheit. Er beobachtet und benennt, anstatt wie vorab zu kontrollieren und schikanieren.

Der zweite Sinn ist die Verbindlichkeit.

Das wurde mir erst diese Tage bewusst, als ich meine AGB’s schreiben musste.
Ich musste meine Rahmenbedingungen entscheiden. Wie soll das Anmelden ablaufen? Wie das Stornieren? Wie berechne ich all das?

Ich habe mir verschiedene Versionen von Kollegen angesehen und dann meine eigenen Regeln gebastelt. Und ich habe mir überlegt, was ich will, was ich voraussetze und womit ich nicht umgehen kann.
Es war spannend, weil unerwartet.
Ich hätte nicht gedacht, dass das Verfassen von AGB’s eine Auseinandersetzung mit mir selbst ist.

Mir war zum Einen wichtig, dass die Menschen wissen, womit sie zu rechnen haben.
Also schuf ich den Rahmen, den ich brauche.
Dinge wie bequeme Kleidung in gedeckten Farben, vorzugsweise schwarz.
Wer das nicht akzeptieren kann, soll einfach nicht kommen. Ich mag das nicht ausdiskutieren.

Es gehört zu meiner Haltung.
Sie passt oder eben nicht.

Ich habe auch definiert, dass eine Anmeldung für mich erst dann als ernstzunehmende Anmeldung gezählt wird, wenn der Kursbeitrag auf meinem Konto eingegangen ist.
Ich habe mir lange überlegt, ob das dreist ist.
Ich habe keine Lust darauf, meine Zeit, die ich selbst als kostbar empfinde, mit unnötigem Bürokram zu verlieren. Mahnungen schreiben empfinde ich als unnötigen Kram.
Das war meine Erstmotivation zu dieser Regel.

Ich will Verbindlichkeit.
Warum?
Das hat mich dann beschäftigt.

Zur Vorbereitung meines Retzhofkurses nächster Woche habe ich ein kleines Buch aus meinem Regal gezogen. Es ist ein ganz besonderes Buch, das deshalb auch selbstverständlich mit in meine minimalistische Lebensform ziehen wird.

Als ich vor einigen Jahren mein Lehren in Paris beendete, da ich nach Südfrankreich ziehen wollte, schenkte mir einer meiner Schüler ein Buch über meine Arbeit.

Wie kam es zu diesem Buch?

Eine meiner Lehrkolleginnen war neugierig auf meine Arbeit. Und anstatt mich selbst zu fragen, bat sie einen gemeinsamen Schüler, ihr nach jeder Arbeitseinheit mit mir einen Bericht zu schicken.
Nicolas tat dies.
Und sammelte seine mails.
Nach unserem Arbeitsblock, der über mehrere Monate ging, druckte er seine gesammelten mails aus, bat eine befreundete Grafikerin um einen visuellen Rahmen und band aus alledem einige Exemplare von Hand. Ich glaube, es waren fünfzehn, wenn ich mich recht erinnere.

Meine Schüler organisierten ein Abschiedsfest für mich und zu diesem Anlass bekam ich solch ein Exemplar. Ich wusste bis dahin nichts von diesem mail-Verkehr und war sehr berührt über diese Geste der liebevollen Anerkennung.

Dieses Buch zog ich also aus meinem Regal, um meine Vorbereitungen zu vervollständigen.
Nicolas erklärte nicht nur meine Übungen, er schrieb viel über sein Empfinden in unserer Arbeit.

So schrieb er:

D’ordinaire, c’est un exercice extrêmement difficile pour moi. Mais grâce à l’échauffement, à un état d’esprit disponible ce jour-là, et à une grande confiance envers Mirjana, j’ai pu me laisser tomber en arrière avec infiniment moins de tension que d’habitude.

Zu deutsch:

Für gewöhnlich ist das eine extrem schwierige Übung für mich. Doch dank der Aufwärmübungen, dank meines offenen Geisteszustands an diesem Tag, und dank meines grossen Vertrauens in Mirjana, konnte ich mich mit weitaus weniger Anspannung nach hinten fallen lassen.

Vertrauen.
Meine Arbeit basiert auf Vertrauen.
Und wie entsteht Vertrauen?
Durch Verbindlichkeit.

Meine gesamte Arbeit basiert auf Vertrauen.
Was heisst das?
Es geht doch nur darum, eine Technik zu lernen, oder?
Wozu braucht man da Vertrauen?
Und welches Vertrauen?
Das Vertrauen in die Kompetenz des Lehrers?

Geht es um meine Kompetenz?
Nein.
Die habe ich.
Wer daran zweifelt, soll lieber nicht zu mir kommen.
Das ist dann schon wieder eine Grundsatzdiskussion vergleichbar mit dem Ausdiskutieren von Sinn und Zweck der schwarzen Kleidung.
Zeitverschwendung.

Es geht nicht um Vertrauen in mein Wissen, sondern um Vertrauen in meine Person.
Das ist ein grundlegender Unterschied.

Bitte ich einen Menschen, sich mir hinzugeben, wenn ich ihn beispielsweise an einer Körperstelle berühre, dann juckt diesen Menschen mein Wissen herzlich wenig. Er muss mich als Mensch spüren. Zwischen uns muss eine Verbindung bestehen, damit diese Hingabe überhaupt anvisiert werden kann.

Würde meine Arbeit lediglich darin bestehen, Wissen intellektuell weiter zu geben, dann wäre diese Art von Vertrauen nicht nötig.
Meine Arbeit besteht jedoch darin, dem Menschen zu helfen, sich selbst zu spüren, damit er unabhängig von meiner Person alles wieder finden kann, was er mit meiner Hilfe erkunden konnte.

Ich lege viel Wert auf diese Unabhängigkeit.
Deshalb brauche ich die Verbindlichkeit.

Ich muss lachen.
Die Brücke zwischen Verbindlichkeit und Unabhängigkeit war mir vor dem Schreiben heute noch nicht klar.

Verbindlichkeit kann nicht nur auf einer Seite entstehen.
Ich kann als verbindlicher Mensch meine Hand ausstrecken. Wenn mein Gegenüber nicht genauso verbindlich seine Hand zu mir streckt, kommt kein vertrauensvoller Handschlag zustande.
Ich brauche diesen Handschlag.
Er ist ein Ja – Sagen.

Ich will Jean Anouilh zitieren, den ich gestern abgetippt habe, auch zur Retzhof-Vorbereitung.
Kreon sagt zu Antigone:

Wer ja sagt, muss das Leben fest mit beiden Fäusten anpacken und sich in die Arbeit knien, dass der Schweiss rinnt. Nein sagen ist leicht, selbst wenn man dabei sterben muss. Man braucht nur ruhig dazusitzen und zu warten – auf das Leben oder bis man eben umgebracht wird. Wie feig ist das! Nur Menschen können so sein.

Ja – Sagen ist eine Entscheidung.
Sie fällt so vielen Menschen schwer.
Ich spreche nicht von dem schnell dahin gesagten Ja.
Von dem Ja, das man vorschiebt, weil man sich nicht traut, Nein zu sagen.
Von diesem Ja, hinter dem der Mensch entwischt.

Ich lasse Menschen nicht entwischen.
Dafür bezahlen sie mich nicht.
Sie bezahlen mich dafür, etwas bei mir zu lernen.
Und sie lernen eben dadurch, dass ich klar zu ihnen bin.
Klar, verbindlich, unumstösslich.
Dadurch, dass ich sie höre. Ohne Umschweife und Laberei. Einfach höre.
Dadurch, dass ich ihnen das Hören lehre.
Dadurch, dass ich in ihnen die Lust und Neugier wecke, mit dem Gehörten zu experimentieren.
Damit sie dann, unabhängig von mir, weiter gehen können.
Ohne sich selbst zu entwischen.

Wir können nur ruhig dasitzen und warten…
Auf das Leben.
Oder auf das Sterben.
Es kommt aufs Gleiche raus.

In unserer unverbindlichen Zeit heute lassen sich Menschen gerne Hintertürchen offen.
Ich kenne das, ich mach das auch. Und zwar immer dann, wenn ich nicht klar Ja sagen will.

Was geschieht dann?
Ich gaukle mir ein Ja vor.
Ich tu so, als hätte ich mich entschieden. Aber in Wirklichkeit habe ich es nicht getan.
Ich habe mein Hintertürchen geöffnet.
Meine Kraft, die ich eigentlich dazu bräuchte, um meine Entscheidung umzusetzen, wird umgehend geschwächt. Sie zischt aus dem Hintertürchen heraus.

Viele Menschen denken, ich sei ein starker und mutiger Mensch.
Hmmm…
Ich bin eher ein Hintertürchen-Schliesser.

Ich habe irgendwann begriffen, dass mich das stete Öffnen von Hintertürchen am Vorwärtsschreiten hindert.

So arbeite ich auch mit Menschen. Also ganz konkret.
Es bringt mir nichts, wenn sie mit einem Ton rumeiern.
Mir ist lieber, sie machen ihn einfach, egal wie, aber entschieden.
Danach können wir arbeiten.
Mit Rumgeeier kann ich nichts anfangen. Da kommt nichts Brauchbares zustande.
Ist einfach so.

Aufs Leben übertragen bedeutet das, dass wir entschieden etwas falsch machen können.
Doch durch den gelebten Fehler lernen wir und so können wir den nächsten Schritt darauf aufbauen.

Entscheiden wir uns jedoch nie klar für diesen ersten Schritt, eiern wir nur herum, legen wir zuviel Aufmerksamkeit auf unser Hintertürchen, dann kommen wir nie in Schwung.

Schlussendlich ist das das Geheimnis meiner Kraft.
Ich sage Ja.
Ja zu meinem Leben.
Ja zu meinen Träumen.
Ja zu mir selbst.

Und deshalb sage ich auch nur Ja zu Menschen, die genauso verbindlich Ja zu mir sagen können.
Menschen, die sich entscheiden, schlussendlich nicht für mich, sondern für sich selbst.
Menschen, die wollen. Und nicht nur Interesse bekunden.

Es ist der Weg der Verbindlichkeit.
Wie verbindlich sind wir mit uns selbst?

Manche Menschen schreiben mir „Ich würde ja gerne, wenn es nicht so weit weg wäre…“.
Ich muss lachen.
Ich selbst lege hunderte von Kilometern zurück, um meine Kurse zu geben.
Bis nach Schöntal sind es 800 km.
Bis zum Retzhof in der Steiermark sind es 1300 km.
Vor drei Jahren nahm ich dort selbst an einem Seminar teil.
Diesen Sommer legte ich 1400 km zurück, um an einem Seminar in Berlin teilzunehmen.

Ich möchte keine Vergleiche anstellen.
Es ist absolut in Ordnung, wenn Menschen sagen, sie brauchen eine Frei – Haus – Lieferung.

Ich mache keine Frei – Haus – Lieferung.
Menschen, die mit mir arbeiten, müssen bereit sein, sich zu bewegen.
Sich in sich selbst zu bewegen.
Diese Bereitschaft beginnt dadurch, dass sie sich auch im Aussen bewegen.

Es ist wieder eine Frage der Verbindlichkeit.
Nicht mit mir, sondern mit sich selbst.
Ich bin unwichtig dabei.
Ich bin nur ein Beispiel.

Wenn wir sagen „Ich würde ja gerne, aber…“, dann sind wir Hintertürchen-orientiert.
Dann wollen wir im Grunde gar nicht.
Wir gaukeln uns das etwaige mögliche imaginäre Ja vor.
Fühlen uns bereit.
Fühlen uns offen.
Denn wir würden ja gerne, aber die Umstände hindern uns.
Die Umstände, nicht wir selbst.
Ist ja nicht unsere Schuld.
Das liegt am Leben eben…

Die Verbindlichkeit führt uns zum Vertrauen.
Das Vertrauen zur Unabhängigkeit.
Die Unabhängigkeit zur Freiheit.

Freiheit bedeutet nicht, sich immer alle Optionen offen zu halten.

Sans cadre, pas de liberté.
Ohne Regeln, keine Freiheit.

Freiheit bedeutet, sich verbindlich zu sich selbst zu entscheiden, offen und ungelogen, um dann mit Vertrauen in sich und sein Leben, unabhängig von Wenn und Aber seinen Weg zu gehen.
Sich entschieden zu verirren, denn das passiert mit Sicherheit.
Sich dann wieder neu orientieren.
Weitergehen.

Und wirklich leben.

 

 

 

 

 

 

Published in gedanken zum leben

5 Comments

  1. BENNO HERTNECK BENNO HERTNECK

    VERBINDLICH ZU EINEM KURS WÜRDE SICH GERNE MEINE FRAU ANMELDEN. SIE HAT ABER ERST IM JULI 18 URLAUB. HAST DU AUCH FÜR DEN nächsten SOMMER ETWAS ANGEDACHT?
    SIE WÜRDE 8 IHRER YOGAKURSTEILNEHMERINNEN MITBRINGEN. KANNST DU DIR JA MAL ÜBERLEGEN.
    SIE HAT MICH GENÖTIGT, DIR ZU SCHEIBEN, DA SIE SICH DERZEI IN W-LAN FREIER SELBSTFINDUNGS-ZONE BEFINDET. ICH SELBST HALTE NICHTS VON DIESEM NARRISCHEN HERUMGEHOPSE: GRÜSSE bENNO

    • Hallo Benno,
      ich muss lachen. Solch einen drolligen Kommentar habe ich noch nie bekommen.
      Ich schicke dir eine Nachricht via mail.
      In zwei Wochen kann ich bestimmt schon mehr sagen.
      Ich grüsse dich,
      (und ich hopse nicht).
      mirjana

    • Hallo Benno,

      Ich kann Dich unter der angegebenen mailadresse nicht erreichen.

      Ich fliege am Mittwoch in Richtung Steiermark zum Retzhof.
      Dort gebe ich ab Donnerstag meinen Kurs.
      Dann werde ich auch sehen, ob und wie der Retzhof und ich in Zukunft zusammenarbeiten werden.

      Ich sehe an deiner mailadresse, dass Ihr in Österreich lebt.
      Wo denn genau?
      Also in welcher Gegend?

      Wenn Deine Frau bereits 8 Teilnehmer zusammen hat, dann kann ich auch einen Extrakurs irgendwo organisieren.
      Das wäre auch eine Möglichkeit.

      Jetzt warte ich mal auf Deine Antwort,
      und wir bekommen da bestimmt etwas hin.

      Ich grüsse Dich,
      mirjana

  2. BENNO HERTNECK BENNO HERTNECK

    MELDE MICH ZEITNAH
    WOHNEN IN WIEN
    SUCHE NOCH DIE E-MAIL MEINER FRAU RAUS

    • Super, sie soll mich einfach unter

      info(ad)mirjana-petricevic.com

      kontaktieren.

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