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stumm

Ich fühle mich stumm heute.
Nicht sprachlos.
Stumm.

Sprachlos lässt mich manchmal etwas zurück.
Dann weiss ich nicht, was ich sagen soll.
Bin vor den Kopf gestossen.
Oder ich finde Worte, irgendwelche, die aber nur mein Empfinden möbeln.
Oder die Situation retten.
Oder sie glitschen lassen in eine andere Welt, eine Ferne, die mich dann nicht mehr betrifft.

Stumm ist anders.

Ich möchte ihr entkommen, dieser Stummheit. Habe versucht, irgendetwas zu schreiben. Ein Thema zu finden, es gibt doch so viele Themen, ich habe noch viel zu erzählen zu meinem Projekt.
Doch sie steht schweigend neben mir, wortlos und übervoll.
Meine Stummheit.

Sie braucht mir nicht mal auf die Schulter klopfen, das tut sie nie.
Sie ist nur da, still, in der Ecke des Raumes und blickt zu Boden. Sie zu übersehen und weiterzugehen wäre so einfach.
Doch ich kann es nicht.
Es geht nicht.

Es wäre ihrer nicht würdig.

Ähnlich wie die Bequemlichkeit kenne ich sie gut.
Nur ist sie keine Geisha.

Nein, sie ist ein dürres Mädchen mit hohlen Augen. Ihr knochiger Körper steckt barfuss in einer zerschundenen dunklen Kutte. Ärmellos. Knielang. Ausgeschnitten am Hals, nicht um ein schönes Decolleté blosszulegen, sondern um die Blösse der Emotion nicht zu bedecken.
Ihre Haare hängen.
Ihre Augen sind gerötet.
Und ihr Blick immer zu Boden.
Ihre nackten Füsse stehen still. Eng beieinander. Sie sind geschwärzt vom Dreck der Vergangenheit.
Ich weiss nicht, wann sie das letzte Mal gegessen hat. Wasser nimmt sie gelegentlich zu sich. Auch etwas trocken Brot. Doch nie eine echte warme Mahlzeit.

Sie war schon lange nicht mehr da.

Ich bin es ihr und mir schuldig, von uns zu erzählen.
Und ich weiss, dass ich keine weiteren Worte für andere Themen in mir finden werde, ehe ich sie nicht anspreche.

Meine Stummheit.

Vorgestern habe ich zwei Drittel eines Bühnenmonologes übersetzt, den ich 2006 auf französisch geschrieben habe. Titel „le cri“, der Schrei.
Ich habe diese rohe und unbearbeitete Übersetzung dann spontan aufgenommen. Meine erkältete und angeschlagene Stimme in der Nacht mit dem prasselnden Regen als Hintergrundmusik.

Meine liebe Freundin hat sich Teile dieser Nachtgedanken angehört und sagte mir, wie eigenartig es doch ist, dass ich diesen Text den Schrei nenne und er dabei so leise sei.

Ich habe gestern viel geweint.
Auch jetzt laufen meine Tränen über mein Gesicht.
Ja, mein Schrei war leise damals.
Leise, wenn man mich heute kennt.
Leise, wenn man erlebt hat, wie stimmgewaltig ich brüllen kann und wie gerne ich das mache. Wie laut ich lachen kann und wie herzlich. Wie ich meine Schüler soweit in ihr Becken bringe, dass sie selbst brüllen wie wilde Löwen.

Doch damals, 2006, war dieser leise Schrei genauso mächtig.
Denn es waren die ersten Worte meiner Stummheit.

Wenn die Stummheit anfängt zu sprechen, dann wird der Raum um sie luftleer.
Die Zeit bleibt stehen.
Selbst der Staub in der umgebenden Luft bewegt sich nicht mehr.
So überrascht sind wir.
Denn sie steht immer nur still in der Ecke, wie ein unbrauchbares vergessenes Möbel. Sie redet nicht in den Wortschwall des Alltags hinein.
Nie.
Sie wartet.
Und dann, wenn unsere Gedanken gerade im Nichts hängen, dann, wenn wir leise dösen, wohlig, friedlich, angemessen.
Dann erst spricht sie.

Und zerreisst die Stille mit ihrer leisen Stimme.

Ich höre mir meine Rohaufnahmen mehrmals an.
Ich habe viele Ohren.
Die des Autors, der auf den Wortschliff achtet.
Die des Stimmlehrers, der den Klang inspiziert.
Die des Schauspielers, der sich mit sperrigem Rohmaterial improvisierend rumschlägt.
Die des Regisseurs, der umgehend analysiert, wie man was besser interpretieren könnte. Nachdem all diese Ohren gesättigt sind, lausche endlich ich.

Zwiegespräch von Frau zu Frau.
Die Worte meiner Stummheit.

Ich höre die Gefühle, die durch die Worte Gestalt annehmen.
Ich höre Verzweiflung.
Ich kenne sie gut.
Sie hat mich jahrelang begleitet.

Ich bin ein Trotzdem-Mensch.

Ich habe trotzdem meine Kinder grossgezogen.
Ich habe trotzdem gearbeitet.
Ich habe trotzdem mein Leben vorangebracht, irgendwie, denn es war meine Rolle, meine Aufgabe, mein Vertrag.

Doch sobald ich innehielt, wurde die Verzweiflung laut.

Ich durfte sie nicht so benennen.
Ich durfte sie nicht einmal zu Wort kommen lassen.
Sie hatte null Mitspracherecht.

Das war einfach so.

Klar war ich selbst Schuld, dass ich am Ende meiner Ausbildung schwanger wurde.
Klar war ich selbst Schuld, dass ich mich dann in Paris in ein mir so fremdes Leben stürzte mit einem Mann, den ich kaum kannte.
Klar war ich selbst Schuld, als ich es dann auch noch wagte, frech aus diesem möblierten Leben wieder auszubrechen.
Klar war ich selbst Schuld, dass ich es nicht gewagt habe, nach Deutschland zurückzukehren.
Klar war ich selbst Schuld, dass ich daran festhielt, mein Geld in der Fremde mit meinem erlernten, brotlosen Beruf zu verdienen.
Klar war ich selbst Schuld an allem.
Die Liste ist endlos.

In den ersten zwölf Jahren hier in Frankreich bin ich verstummt. Immer mehr.
Ich war nicht sprachlos. Das meine ich nicht.
Ich meine die Verstummung.

Ich selbst hatte keine Stimme mehr.

Jemand in mir sprach durchaus noch.
Jemand in mir hielt durch und lächelte und kämpfte sich durch den Alltag. So wie es sich eben gehört, nicht wahr?
Nur ich selbst, ich, ich war stumm wie ein nasser kalter lebloser Fisch.

Wie oft wolltest du dein Leben beenden? Ich muss das Maß deiner Verzweiflung erfassen.
Das fragte mich Etienne bei unserem Erstgespräch.
Sterben wollte ich schon als Kind.
Wie oft?
Fffff…
Ich habe nicht mitgezählt.
Ich habe mich am Leben gehalten.
So gut ich eben konnte.

Ich begann zu lernen.
Diesmal nicht mit dem Kopf in der Analyse.
Nicht mit dem Körper in der abgespeicherten Erinnerung.
Sondern mit der Emotion.

Ich musste von Grund auf lernen.
Alles in mir war verschoben.
Ich wusste nichts.

Ich wusste nicht, dass ich nicht Schuld war an so vielen Dingen, die mir immer wieder auf den Rücken geladen wurden. Allein meine Existenz schien schuldbelegt. Ich war Schuld an der Unfreiheit meiner Mutter. Schuld am Zorn meines Vaters. Schuld am Leid meiner Schwester. Schuld am Unglück meines Gattens.
Schuld.
Schuld.
Schuld.
Um nicht in meiner Schuld zu ersticken, bettete ich mich irgendwann in Resignation.
Das ist ein todesähnlicher Zustand, dessen Geniestreich es ist, uns vorzugaukeln, das alles gut sei so wie es ist.

Ich kannte meine Rechte nicht.
Ich wusste nicht, dass ich das Recht hatte, um etwas zu bitten.
Ich wusste nicht, dass ich mein Bedürfnis ausdrücken durfte ohne dafür geschlagen zu werden.
Geschlagen mit Hieben, mit Worten oder mit Schweigen.
Ich wusste nicht, dass Bitten Liebe ist.
Liebe für uns selbst, denn wir sind uns wichtig genug, um zu bitten.
Liebe für den anderen, denn wir haben genug Liebe für ihn, um ihn zu fragen.

Ich wusste so wenig damals.

Ich lernte.
Und langsam trat meine Verzweiflung zur Seite und gab den Weg frei für ein anderes Leben.
Ich war noch schüchtern, fand mich bereits kühn, Paris zu verlassen und in den Süden zu ziehen.
Wieder war ich Schuld und das Gericht sprach mir erstmal meine Kinder ab.

Bleibe bei dir. Dann wird sich alles lösen.
Ich hielt mich an Etiennes Worten fest.
Ich hatte mich endlich wiedergefunden, hatte endlich den Mut aufgebracht, mich aus dem Sumpf zu heben, der mich lähmte. Doch die Welt will das nicht. Wie eine wütende Matrix fletscht sie mit den Zähnen in ihrem weit aufgerissenen Maul, um mir meinen Drang nach mir selbst wieder auszutreiben.

Wie? Du gehst trotzdem? Ohne deine Kinder?
Entrüstet fragten mich das einige Menschen.
Ja, ich ging.
Ich wollte diese erpresserischen Fesseln des Systems nicht mehr akzeptieren.

Bleibe bei dir.
Ich ging und an meiner Seite eine treue Gefährtin, meine Verzweiflung.
Und einmal mehr meine Stummheit.

Meine Kinder fanden alleine den Weg zu mir zurück.
Doch in mir war wieder etwas gebrochen.
Das, was sich auszudrücken suchte, war bestraft. Sollte schweigen.
Und ich hielt aus.

Warum liegt mir heute so viel daran, meinen Ausdruck und meine Vielfalt zu leben?
Warum lasse ich all dem freien Lauf, das aus mir will?
Warum mag ich mich nicht mehr einschränken und mich anpassen, um nur ja nicht anzuecken?

Weil ich meine Stummheit kenne.

Weil ich sie nicht vergessen habe.
Nie.
Keine Sekunde.

Ich blicke zu ihr hinüber.
Zärtlich.
Sie hat sich mir nach dem Hören vergangener Worte wieder gezeigt.
Vielleicht weil ich es geschafft habe, diesen Teil von mir auch in meine vergessene deutsche Sprache hinüberzutragen.
Vielleicht weil ich eine Nachricht bekommen habe, die sagte: „Ich will dich nicht mehr lesen, du hast da deinen Stamm der das mag, der dich dafür bewundert… ich tue das nicht… weiter will ich dazu nichts sagen.“

Die Strafe kommt schnell, zischend, wie ein Pfeil durch die laue Nacht.
Ffffffft!
Stumm bist du mir lieber.

Ich weiss, wie störend wir sind, wenn wir uns zu Wort kommen lassen.
Ich weiss, wie schnell sich Menschen abkehren, wenn wir nicht mehr in die Form der Gefälligkeit passen.
Ich weiss es.

Ich werde Wasser wärmen.
Ich werde meine Seife nehmen.
Und ein sauberes Tuch.
Ich werde mich zu meiner Stummheit setzen und ihr behutsam die Füsse waschen.
Ich werde sie salben.
Und ihr vorsichtig in die Augen schauen.

Ja, sie ist Teil von mir.
Schon immer.
Nur, weil es sie gibt, habe ich begonnen, mich mit Stimme und Klang auseinanderzusetzen.
Nur, weil es sie gibt, habe ich gelernt, was Ausdruck bedeutet.
Nur weil es sie gibt, lebe ich das Leben, das ich habe.

Ihr zum Dank kann ich heute laut und klar sagen:

Welt, ich lebe jetzt mein Leben.
Egal, was kommt.
Egal, zu welchem Preis.
Denn ehe ich sterbe, mag ich sagen können, ja, ich habe mir die Mühe gemacht, auf mich zu hören.
Ja, ich habe den Sprung gewagt.
Den Sprung in mich hinein und nicht von mir weg.
Es hat mich Jahre der Vorbereitung und Überwindung gekostet.
Doch egal, was kommt und egal, wie sehr es stören mag, ich werde nicht mehr verstummen.

 

 

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4 Kommentare

  1. wie nennt man etwas das Worte nicht beschreiben mögen… essentiell! <3

  2. Nicole Nicole

    Ce texte «  stumm »’est incroyablement beau! Il m’a touché. J’ai eu en le lisant des frissons dans le dos… tellement les images sont fortes et si beau, si vrai, si important de regarder en face nos ombres et de les soigner. J’aime quand tu écris en images car c’est le langage qui me parle… et puis il m’a touché car tu parles du moment où tu es partie… enceinte… et jamais de la vie je n’aurais pu même immaginer une seconde ce que tu as vécut… et pourtant, mon Dieu, qu’elle force en toi ! On peut dire merci à la vie qu’on s’est retrouvéeNicole

    • Merci de tout coeur, ma chère amie.
      Merci à la vie que nos chemins se sont recroisés, que nos coeurs se sont reconnus et notre amitié a su reprendre.

      Oui, j’étais murée dans le silence. Longtemps.
      Mais les murs tombent.
      De plus en plus.

      Je t’embrasse,
      avec tout mon amour,
      au bonheur de vite te revoir,
      mirjana

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