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meine stimme

Die letzten Tage waren so intensiv, dass sie mir wie Monate erscheinen.
Ich weiss, dass der Weg in mein neues Leben viel in mir lostreten wird. Ich weiss nur nicht was.

Es ist eine Odyssee zu mir selbst.

Meine Stimme ist mein Kompass.
Das ist sie schon immer.
Je mehr ich mich mit ihr beschäftige, desto tiefer steige ich in Bereiche, die mir grundlegende Erfahrungen und Erkenntnisse schenken.

Mir ist klar, dass die Tatsache, mich von jeglichem materiellen Ballast frei zu machen, auch innerlich verschüttete Zonen freilegt.
Welche genau weiss ich nicht. Es ist ein bisschen wie eine Loterie. Jedes Los gewinnt. Nur ich weiss nie, ob ich einen grossen oder einen kleinen Gewinn ziehe. Einen wichtigen oder einen weniger wichtigen.

Die letzten Tage waren ein Hauptgewinn.

Ja, sie waren schmerzdurchtränkt.
Doch das stört mich nicht.
Menschen, die bereits mit mir gearbeitet haben, wissen, wie ich auf den Schmerz blicke.
Er ist ein wohlgesonnener Kumpane, eine liebevolle Einladung an mich selbst, eine neckische Herausforderung und gewiss auch mal ein nerviger Störenfried.
Doch generell weiss ich, dass er immer eine Verheissung in sich trägt.

Ich hatte keine körperlichen Schmerzen diese Tage, ausser denen, die eben zu einer gehörigen Erkältung gehören.
Nein, es waren seelische Schmerzen.
Und gleichzeitig tiefstes Glück.

Denn ich rutschte durch ein Schlüsselerlebnis ins nächste.

Wäre ich nicht krank geworden, dann hätte ich niemals ausgerechnet jetzt meinen Theatermonolog „le cri“ übersetzt und ihn mitten in der Nacht auf Band gesprochen.
Ich hätte nicht diesen für mich so wichtigen Moment des Anerkennens erlebt. Mich selbst emotional wiedererkennen.
Der Monolog entstand am Ende einer giftigen Beziehung und war das erste wahre Regen meines Widerstandes. Ich theatralisierte damals meine innere Welt und schrieb mich aus meiner langjährigen Stummheit.

Mir ist schon lange Jahre bewusst, dass ich zerstückelt bin.
Gebrochen in meiner Sprache.
Ich lebe in der Zwischenwelt zwischen deutsch und französisch.
Auch wenn ich in den vergangenen Jahren mein verlorenes Deutsch wieder aufmöbeln konnte, so ist dieser Sprachbruch doch etwas Einschlagendes in mir.

Es gibt Dinge, die ich nur in einer der beiden Sprachen gelebt habe.
Meine Kindheit beispielsweise auf deutsch.
Mein Muttersein jedoch auf französisch.
Unterrichtet habe ich lange nur auf französisch und ich hole den Lehrer in mir derzeit in die deutsche Sprache.

Man darf nicht vergessen, dass ich recht radikal mit der deutschen Sprache gebrochen habe. Nicht aus Abwehr, nein, ich liebe sie. Jedoch aus der Situation heraus, wenig Kontakt nach Deutschland gehabt zu haben.

Viele Jahre sprach ich kaum mehr ein Wort deutsch.

Anfangs, als ich auf französisch kommunizierte, waren die Worte nur Hülsen.
Ich konnte sie nicht mit Erfahrung, mit Fleisch füllen.
Sie waren Geräusche für mich, die nichts in mir auslösten.
Ich musste die Hülsen erst füllen.

Das hat Jahre gedauert.

Und ähnlich ging es mir, als ich vor wenigen Jahren wieder mit der deutschen Sprache in Berührung kam. Lesen war kein Problem, schreiben ging ebenso. Doch das Sprechen war seltsam.
Ich hörte mich und empfand alles als falsch. Denn die Worte waren sperrig und leer.
Ich konnte sie emotional nicht mehr mit mir verbinden. Es war zuviel Zeit vergangen.

So hat es wieder Jahre gedauert, die Brücke zum Gefühl im deutschen Wort zu bauen.

Ich weiss nicht, ob dies nachvollziehbar ist für Menschen, die noch nie lange und ausschliesslich in einer fremden Sprache gelebt haben. Ich glaube, diese Tatsache wird unterschätzt.
Natürlich bin ich besonders sensibel, was dieses Thema angeht.

Stimme, Klang und Sprache, diese Wechselwirkung zwischen Form und Inhalt ist der rote Faden meines Lebens.

Mit dem Text über meine Stummheit ist ein Tor in mir aufgestossen.
Nein, das Tor ging bereits bei der Übersetzung meines Theatermonologs auf.
Auch nicht richtig…
Es war nicht die Übersetzung, denn das bleibt ja im intellektuellen Bereich, sondern es war das Sprechen dieses neuen alten Textes in der deutschen Sprache. Und zu einem Zeitpunkt, an dem ich bereits viele kleine emotionale Kanäle zwischen den Worten und meinem Gefühl gebaut habe.

Der Damm ist gebrochen.

Wenn das Holpernde plötzlich nicht mehr holpert.
Meine Sprache wird nie glatt werden und das ist auch gut so. Sie ist eben meine Sprache, meine ganz eigene, die Sprache der Zwischenwelt.

Doch der Damm des Emotionsflusses ist gebrochen.
All der Schmerz, den ein Dammbruch mit sich bringt, all die Überwältigung, die auf mich schwappte und mich wie das wilde Wasser fast ertrinken liess, haben sich in tiefe Dankbarkeit und in Glück gewandelt.
Der rote Faden meiner Stimme hat die beiden in mir getrennten Teile zusammengenäht. Behutsam. Mit kleinen feinen Stickereien. Liebevoll.

Ich weiss um die Intensität des menschlichen Ausdrucks in der Stimme.
Sie ist der Spiegel unserer Seele.

Ich war fasziniert davon, mitzuerleben, wie meine Stimme sich beim Ansprechen meiner Stummheit beinahe ins Nichts auflöste. Sie erstickte.
Es ist mir gleich, von welcher Seite wir jetzt schauen. Der des Analytikers, der des Künstlers, oder der des Stimmlehrers. Das ist unwichtig.
Es geht mir um die Sache.
Meine Stimme erstickte.

Ich bin Asthmatiker.
Ich wusste, dass mein Asthma mit dem Gefühl des Erstickens, mit dem Erleben des keinen-Raum-habens in meiner Kindheit zusammenhängt. Jedoch habe ich nie die Verbindung hergestellt zwischen meiner Stummheit und meinem Asthma.

Wenn es nichts mehr gibt, das uns ablenkt von uns selbst, dann offenbaren sich uns unsere tiefsten Wahrheiten.

Meine Stimme war blutleer.
Erschöpft.
Tiefe Anämie.

Mein Ansatz war schon immer ganzheitlich und nicht rein technisch.
Ich wusste, dass ich durch das Sprechen der Stummheit, durch das stimmliche Begleiten meiner Worte wieder zu meinem vollen Klang finden würde.
Und so sprach ich meinen Text auf Band.
Und ja, mit der nötigen Durchlässigkeit.
Denn rein intellektuelles Reden blockiert den nötigen emotionalen Fluss. Deshalb bin ich auch kein Freund von rein technischen Übungen. Sie sind immer nur ein Mittel. Mehr nicht.

Die wahre Arbeit beginnt weit hinter der Technik.
Sie beginnt im Menschen.

Während ich meinen Text sprach, bahnte sich meine Stimme ihren Weg.
Ich liess sie machen.
Ich achtete auf meine Pausen, auf meine Aussprache und auf meine Durchlässigkeit.
Und gab mich meinem Klang hin.

Und sie fand ihren Weg.

Am Ende der Aufnahme bereits hatte sie wieder ihre Klarheit gefunden.
Am Folgetag war sie wieder komplett in mich integriert.

Ich weiss nicht, ob ich Menschen auch nur annähernd begreiflich machen kann, welch wunderbarer Weg es ist, sich mit seiner Stimme auseinanderzusetzen.
Ich weiss auch nicht, ob es Sinn macht, zu versuchen, dies intellektuell zu vermitteln.

Denn es ist Erfahrung.

Wir reden so viel.
Und wir spüren so wenig.

Dabei ist unsere Stimme ein tief sinnliches Instrument.
Sie ist Musik in unserem Körper.
Sie ist der Schlüssel in unsere Geheimnisse.

Und eben der Spiegel unserer Seele.

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