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lernen

Ich bin zurück in Frankreich.
Und jetzt sitze ich in meiner Werkstatt.
Alleine.
Es ist urlaubsstill.
Ferienaufgeräumt.
Ich nehme zaghaft Kontakt auf mit dem Kunstschreiner in mir.

Lernen.

Es ist noch kein Jahr her, dass ich in einem Intensiv-Crash-Kurs das Schreinerhandwerk zu lernen begann.
Ich lernte nicht einfach nur Basisarbeit, was man sich vielleicht bei solch einer kurzen Lehrzeit vorstellten könnte.
Nein, ich habe mir ein durchaus erstaunliches Niveau angeeignet (hier).

Angeeignet…

Nein, das Wort ist falsch.
Ich habe es gemacht, ja, zweifelsohne.
Handwerk hinterlässt ja zum Glück Spuren. Deswegen habe ich dieses Jahr auch gemacht. Weil ich Spuren brauchte. Weil ich meine eigenen Spuren sehen musste. Gleich. Hier. Vor meinen Augen. Ich brauchte eine materielle Realität, die ich in meiner Menschen- und Bühnenarbeit nicht habe. Ich brauchte das Hinübergleiten von einer emotionalen und klangvollen Welt in eine komplett konkrete Welt aus Holz.

 

 

Ich sitze vor meinem Sekretär. Ich kann ihn sehen. Ich werde ihn nachher erst einmal streicheln. Damit sich meine Hände erinnern.

Ende Juni habe ich meine offizielle Ausbildung abgeschlossen.
Jetzt schon, Mitte August, kann ich es kaum mehr fassen, was ich gelernt habe.
Oder dass ich das alles gelernt habe.

Während meiner Sommerreise durch Deutschland schaute ich mir immer mal wieder die Fotos meiner Möbel an. Es war ein Versuch, diese Realität zu halten. Ich hatte den Eindruck, sie entglitt mir innerlich.

Jetzt kommt die Zeit des Aneignens.

Das Aneignen ist – wie das Wort schon sagt – ein eigener, ein persönlicher Weg.
Ich brauche jetzt gewiss noch ein bis zwei Jahre, damit das Gelernte in mein Fleisch übergehen kann.

Lernen braucht Zeit.

Wir können schnell etwas erfassen.
Intellektuell.
Oder auch körperlich, wenn unser Körper in seiner Auffassungsgabe geschult ist.
Hmm… Das gilt auch für den Verstand, klar. Auch dieser will geschult sein.

Das Lernen, das Verinnerlichen braucht Zeit.

Erst durch die stete Wiederholung graviert sich das zu Lernende in uns ein.
Wir dürfen diese Zeit nicht unterschätzen. Diese Zeit der Verinnerlichung.
Es ist eine aktive Zeit.
Wir verinnerlichen nicht, indem wir einfach nur dasitzen und warten, dass es geschieht.

Lernen erfordert Auseinandersetzung.

Wachsen und Lernen sind natürlich gleichzusetzen. Wir wachsen immer zeitgleich mit dem Lernen. Und umgekehrt.
Beides bedingt sich.

Würde ich heute das Holz beiseite legen, dann wäre es bald nur noch Erinnerung.
Ich habe ein paar Dinge in meinem Leben ausprobiert, die mir zwar durchaus Spass gemacht haben, die heute aber nur noch Erinnerung sind. Ich habe sie nicht gepflegt und so sind sie mir entglitten. Es ist gut so.

Ausprobieren ist wichtig.

Wir können nicht immer wissen, was wir wollen.
Wenn wir nie auch nur einfach ausprobieren, dann nehmen wir uns die Möglichkeit, Neues und Ungeahntes zu entdecken.

Manchmal greift das Ausprobieren.

Dann müssen wir entscheiden.
Soll das Neue ein Teil von mir werden oder nicht?
Will ich Zeit hinein investieren oder belasse ich es beim blossen Entdecken?

Der Mensch ist faul.

Das ist so.
Da gibt es nichts zu jammern oder zu feilschen.
Manch einer rechtfertigt sich mit dem leisen Seufzer „Das kann ich nicht…“ und manch anderer versteckt seine Faulheit hinter einem Hyperaktivismus.
Hinter der Anhäufung von Zertifizierung oder dem Emblem „Das muss man auch gemacht haben!“
Man häuft und häuft und häuft… und vergisst das Verinnerlichen.

Das Anhäufen von Wissen ist eine Sache, das wirkliche Erlernen dieses Wissens ist eine ganz andere Sache. Angehäuftes Wissen ohne Integration… Ist das überhaupt Wissen?

Zeit.

Ich streichle über meinen Sekretär.
Er ist voller Holzstaub.
Ich fühle seine Oberfläche. Seine Rundungen.
Ich sage meinen Händen „Das habt ihr gemacht.“
Keine Ahnung, ob sie mich verstehen.
Ich verstehe es selbst nicht.

Zeit.

Die muss ich jetzt investieren.
Die wartet jetzt auf mich.

Das Holz soll Teil meines Lebens sein. Das habe ich beschlossen.
Denn es erdet mich. Es erbaut mich. Heute brauche ich das.

Doch es macht mir auch Angst.
Es erfordert von mir.
Zeit.
Engagement.
Konsequenz.
Durchhaltevermögen.
Geduld.
Und Liebe.
Viel Liebe.
Wie immer, wenn wir lernen müssen.
Wenn wir über uns hinaus wachsen.

Oft sagen mir Schüler „Das kann ich nur, weil du da bist.“
Das ist natürlich Quatsch.
Klar ist mein unerschütterlicher Glaube an die Möglichkeiten des Menschen eine Hilfe beim Flügel wachsen lassen. Doch Fliegen muss jeder selbst. Das kann ich nicht übernehmen.

Konkret braucht Lernen einen geschützten Raum.
Der Lehr- und Lernraum ist ein Fehlerraum.
Hier ist der Fehler König.
Hier darf man sich ausprobieren.
Hier ist alles möglich.
Wenn nicht hier, wo denn?

Doch danach, in der Aussenwelt, draussen, im Alltag, in der Routine, im gewohnten Raum, dort erst geht das echte Lernen los. Dort werden wir selbst zu unserem Lehrer.
Dann geht es darum, das Eben-Erlernte und Frisch-Erprobte hinüber zu ziehen in die Realität.
Hinein zu ziehen.
In sich.
Zu verinnerlichen.

Es wird zu Fleisch und Blut.

Ohne mystisch werden zu wollen, so denke ich doch immer mal wieder an die heiligen Schriften.
Die Dreieinigkeit, die für mich die Einheit von Wort, Tat und Gefühl ist.
Das Fleischwerden, dieses Konkretisieren, Verinnerlichen, Sichtbarwerden.
Nicht nur Gedanke sein.
Oder Wissen.
Sondern Fleisch sein im Denken.
Fleisch sein im Wissen.
Wie oft trennen wir das doch fälschlicherweise?

Lernen.

Das Holz lehrt mich, wieder zu lernen.
Als Lehrer war es die beste Wahl, die ich treffen konnte. Wieder etwas von Grund auf zu lernen.
Ich musste all meine Gewissheiten auf die Seite stellen, da ich in diesem Bereich schlicht und ergreifend null Ahnung hatte.
Ich musste ins kalte Wasser springen.
Ich musste das durchleben, was ich sonst – ziemlich selbstverständlich – von meinen Schülern erwarte.
Wie leicht vergessen wir, wie unser anfängliches Lernen war.
Wieviel Angst oder auch Übermut in uns sein können, bis wir zurück zu unserer Demut finden.
Zum einfachen Tun.
Bis wir wieder der Sache dienen.
Und nicht nur uns selbst.

Lerne, Mensch, lerne.
Probier dich aus.
Denke nicht, es sei zu spät. Das ist es nie.
Und dann verinnerliche.
Forsche.
Ergründe.

Und vor allem…
Geniesse.

 

 

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