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lehrer sein – schüler sein

Seit September 2016 lebe ich im Genuss einer Lehre. Ich mache eine Ausbildung zum Kunstschreiner. Zehn Monate Intensivprogramm mit Gesellenprüfung im Mai/Juni 2017. Jeden Tag verbringe ich knapp elf Stunden in der Werkstatt. Mein Lebensmittelpunkt hat sich radikal auf Holz verlagert.

Ich lerne.
Von Grund auf.
Ich lerne einen völlig neuen Beruf.

Es ist nicht das erste Mal, daß ich lerne.
Nein, ich lerne gerne.
Doch bisher hatten meine gesamten Lehrgänge etwas miteinander zu tun. Hingen irgendwie zusammen. Bauten aufeinander auf.
Nach all meinen Jahren Theaterarbeit, oftmals gekoppelt mit Sozialarbeit, lag beispielsweise ein Fernstudium zum psychologischen Berater nahe. Die Verbindung war offensichtlich.
Ich lernte Marketing und Bürokratie für künstlerische Berufe.
Ich lernte Kommunikation und das Erstellen von Webseiten.

Und jetzt lerne ich Schreiner. Ein echtes Handwerk.
Absurd ist es für mich nicht. Ich sehe den roten Faden in meinem Leben. Ich weiss, warum ich diese Lehre tue.
Trotzdem fällt sie leicht aus dem Rahmen. Objektiv gesehen.

Ich wusste nicht, was mich erwartet.

Natürlich kannte ich den Lehrplan. Doch was wusste ich schon von meiner Begabung oder meinen Schwierigkeiten?
Vielleicht habe ich zwei linke Hände? Auch wenn ich mich eher als geschickt betrachte, so bleibt das eben doch meine persönliche Einschätzung. Vielleicht kann ich mit Sägen, Holzbeiteln, Schnitzmesser und all den beeindruckenden Maschinen im Werk nichts anfangen?

Als ich das erste Mal an die grosse Kreissäge im Werk musste, nun ja, groß sind sie alle, da zerschellte mein Brett beim Schnitt. Ich stand so unter Strom vor Angst und Respekt, daß ich spontan in Tränen ausbrach.
Heute tanze ich mit der Säge. Ich liebe sie. Meine Handgriffe sind immer noch voller Respekt und Achtsamkeit, doch sie sind auch sicher und ruhig. Ich bin innerlich gelassen.

Ich erlebe mich neu.

Es ist nicht nur spannend, einen mir fremden Beruf zu erlernen, es ist genauso spannend, mich selbst in dieser Situation zu erleben.

Ich bin nicht mehr die junge Zwanzigjährige, die auf die Theaterschule geht und mit sich und der Welt kämpft. Ich bin inzwischen Mitte vierzig, mein Leben hat mich auf die Füsse gestellt, ich habe selbst lange Jahre unterrichtet und ich habe keine Angst mehr, etwas nicht zu wissen. Ich kann mich meinen Lehrern hingeben und vertraue darauf, daß sie mich gut durch den Wald meiner Unwissenheit führen bis hin zur Lichtung meiner Erkenntnis.

Ich lerne.
Und das ist fantastisch.
Das ist aufregend.
Das ist einfach nur geil.

Lehrer sein.

Während ich hier schreibe, sitze ich im Zug nach Österreich.
Ich fahre ins Vorarlberg, um dort mit jungen Lehrlingen eines Unternehmens Theaterarbeit zu machen. Meine Arbeit. Die, die ich kenne.

Ich betreue acht Azubis, von 15 bis 21 Jahren.
Meine Jungs.

Meine Intervention umfasst drei Wochenenden.
Zwei im Dezember und ein letztes Wochenende im Jänner.
Heute fahre ich unserem zweiten Wochenende entgegen.

Lehrer sein…

Was bedeutet das für mich?

Ich sagte den Jungs bei unserem ersten Treffen, daß ich versuche, der Lehrer zu sein, den ich mir selber wünschen würde.
Ja, so lebe ich.

Ich habe nie Pädagogik studiert.
Ich habe nie Methoden analysiert und für gut oder schlecht befunden.
Ich habe mir immer die Menschen angeschaut, die sich mir anvertrauten, und habe alles daran gelegt, sie mit in meine Welt zu nehmen.

Dazu muß man sie, wie man so schön sagt, abholen.

Ein ausgelutschtes Wort, wie so viele, breitgetreten und mittlerweile sinnentleert.
Was bedeutet es, einen Menschen „abholen“?
Was bedeutet es wirklich?

Ich kann als Lehrer nicht auf meinem Wissen sitzenbleiben und meinem Schüler entgegenrufen « hallo, du da drüben, ich seh dich, komm mal rüber, hier bei mir findest du Lösung ».

Ich muss meinen Arsch bewegen und mich zu meinen Schülern hinbegeben.
Ich muss sie suchen, und zwar genau dort, wo sie sind.
Ich darf keine Berührungsängste haben mit meinen Schülern. In jeder Hinsicht.
Ganz konkret, von Mensch zu Mensch, von Körper zu Körper. Und ebenso von Geist zu Geist. Von Seele zu Seele.

Das klappt nicht immer.
Aber ich muss es wenigstens versuchen. Mit all den Mitteln, die mir zur Verfügung stehen.

Das bedeutet Lehrer-Sein für mich.
Solche Lehrer wünsche ich mir. Also ist das auch der Anspruch an mich.

Als ich auf die Schauspielschule ging, hatte ich Ahnung von nichts.
Ich hatte keinerlei kulturelle Vorbildung, ich hatte nur Lust auf diesen Beruf, von dem ich im Grunde nichts wusste.

Ich weiss, wie es ist, wenn man auf der Leitung steht. Mit Beharren, weil man es vielleicht selbst gar nicht weiss, daß man drauf steht.
Ich weiss, wie es ist, den Sinn nicht zu begreifen, der sich dann Jahre später von selbst erschliesst.
Ich weiss, wieviel Überwindung es kosten kann, alle seine Gewissheiten fallen zu lassen, um sich in fremde Gefilde zu begeben.

Da braucht man gute Lehrer.
Ich hatte teils gute Lehrer. Und teils nicht.
Sie waren allesamt fachkundig, das steht außer Frage. Sehr kompetent.
Aber nur wenige Lehrer in meinem Leben waren solche Lehrer, die meinem menschlichen Anspruch genügten. Diese allerdings haben mich geprägt.
Und so manches Mal traf ich unvermittelt auf einen wichtigen Lehrer. Wider Erwarten. Außerhalb jedweder Lehranstalt.

Lehrer sein.

Ich bin es gewohnt, daß die Menschen, mit denen ich arbeite, aus freien Stücken und daher motiviert zu mir kommen. Sie wissen nicht unbedingt, was sie erwartet, doch sie haben eine gewisse Grundbereitschaft, sonst kämen sie ja nicht.

Mit den Jungs war das nicht so.
Sie kamen, weil sie mussten.
Und wie so oft, wenn man muss, dann will man nicht.
Und sie wollten nicht.

Es war eine wunderbare Herausforderung für mich.
Ich habe gekämpft.

Denn ich möchte mit motivierten Menschen arbeiten. Ich sehe keinen Sinn darin, zu sagen « ich bin euer Lehrer, macht jetzt, was ich euch sage ».
Ich möchte keine Ausführer, ich möchte Menschen, die sich kreativ und offen einbringen. Menschen, die mich genauso nähren, wie ich sie nähre. Menschen, die bereit sind, mitzumachen, auch wenn es schwer wird, oder fremd.

Mein Anspruch an Zusammenarbeit ist also sehr hoch.

Somit muss mein Anspruch an mich selbst hoch sein, damit ich die Brücke zum Anderen bauen kann. Über diese Brücke muss ich erstmal zum Anderen gehen und ihn dann dort abholen und in meine Welt einladen. Ihm auf meine Welt Lust machen.
Dann muss ich die Brücke mit ihm gemeinsam überqueren, ihm voran gehen, als Vorbild, als Leuchtturm, der ihm die Orientierung gibt, die er nicht haben  k a n n .
Denn er lernt ja. Steht in seinem ganz persönlichen Wald der Unkenntnis.

Ich darf mir nicht zu schade sein, die Brücke wieder und wieder zu überqueren.
Dem Schüler wieder und wieder Mut zuzusprechen.
Ihm wieder und wieder Beispiel zu sein. Mich neu zu erfinden, wenn meine gewohnte Arbeitsweise nicht der Sprache meines Schülers entspricht. Ich muss ihm geduldig meine Sprache lehren. Doch dazu muss ich vorab seine Sprache verstehen.

Das ist für mich Lehrer sein.

Ich bin überrascht, wenn ich wieder und wieder feststelle, daß viele zertifizierte Pädagogen die Brücke vergessen.
Dabei geht es ohne sie nicht.

Konzeption und Bau der Brücke, das ist die Arbeit des Lehrers.
Sie ist Kernstück des Lehrens.
Das Vermitteln von Wissen ist zweitrangig.

Ist die Brücke erst einmal gebaut und beschritten, dann kommt das Wissen von alleine.
Denn ein Schüler will ja lernen. Sonst wäre er kein Schüler.

Lehrer sein.

Heute wollen Menschen nicht mehr Lehrer sein.
Sie nennen sich Pädagogen.
Oder Coach.
Oder Berater.
Oder sonst wie.

Tolle moderne Begriffe, dabei ist es solch ein kraftvolles Wort.
Lehrer.
Lehren.
Eine Lehre vermitteln.
Es steckt soviel Würde in diesem Wort.
Ich lehre…
Anstatt « Ich unterrichte. Ich coache. Ich berate. »
Auf meiner alten Visitenkarte steht auch noch « Coach ». Das wird sich auf der neuen ändern.

Ich bin Lehrer. Das wurde mir in den vergangenen Monaten klar. Seit ich wieder Schüler bin.

Ich bin Lehrer.
Ich lehre Haltung.
Ich lehre Menschlichkeit.
Ich lehre Kreativität.

Die Mittel, die mir dazu zur Verfügung stehen, sind meine Theaterarbeit, Stimme, Bewegung, Rhythmus. Und meine Lebenserfahrung.
Bald werde ich weitere Mittel hinzufügen, wie das Malen und das holzige Handwerken.

Die Jungs.

Was ich an der Jugend so liebe, ist ihre Grausamkeit.
Im Französischen heißt die Grausamkeit « cruauté ».
Und darin steckt das Wort « cru ».
Roh.
Das ist es, was ich mag.

Kinder verschenken leicht ihr Herz.
Man kann sie schnell um den Finger wickeln. Man hat so etwas wie einen Sympathiebonus.

Und Erwachsene intellektualisieren.
Sie sprechen juchzend von Authentizität und freuen sich daran, wenigstens intellektuell, denn selbst die Hosen runterlassen und sich zeigen, das tun die Wenigsten.

Die Schwellenmenschen aber, die Jugendlichen zwischen Kindheit und Erwachsenenwelt, die sind besonders fein.
Sie schenken nichts.
Sie intellektualisieren auch nicht.
Sie sind einfach da und testen.
Was steht auf dem Päckchen drauf? Und was ist drin?
Und sie machen kein Höflichkeitsgeplänkel.
Wenn es nicht passt, dann gibt es auch keinen Sympathiebonus. Dann gibt es gar nichts.
Aus. Pustekuchen. Kannste wieder nach Hause gehen.

Das schätze ich.
Denn es bringt mich als Lehrer an meine Grenzen.

Ich muss jedenfalls genau dazu bereit sein. Bereit sein, über meine Grenzen zu gehen. Denn ich erwarte ja auch von ihnen, daß sie über sich hinauswachsen. Ungefragt.

Ich habe gekämpft.
Um jeden Einzelnen.
Ich habe viele Brücken gebaut.
Ich habe gebaut und verworfen und wieder gebaut.
Ich war mir nie zu schade.
Zu nichts.

Ich war immer durchsichtig.
Das, was draufsteht, das ist auch drin.
Das, was ich sage, das mache ich auch selbst.

Es ist schlussendlich so einfach, mit Jugendlichen zu arbeiten.
Man muss nur bereit sein, sich auf sie zuzubewegen.
Radikal.
Denn sie sind radikal. Hormonbedingt. Altersbedingt. Entwicklungsbedingt.
Sie sind eben Schwellenmenschen.

Ich habe es sehr genossen.
Es hat mich auch alle meine Kraft gekostet. Ich weinte am Ende vor Erschöpfung. Und vor Glück.

Denn heute fahre ich zurück ins Vorarlberg und morgen früh erwarten mich acht junge Menschen. Nicht mehr auf ihrem Ufer. Nicht mehr auf der Brücke. Nein, auf meiner Seite, in meiner Welt, bereit, diese gemeinsam mit mir auszukundschaften.

Was will ich mehr?

 

 

8 Kommentare

  1. gaius gaius

    Toller Text! Danke wieder für Deinen Bericht. Du machst Dir ein abenteuerliches Leben …

    • Das ist lustig, so habe ich das noch gar nicht gesehen. Menschen sind wohl Abenteuer. Da hast du Recht, lieber Gaius. Jedenfalls immer dann, wenn wir uns auf sie einlassen. 🙂

  2. Da ergänze ich: Du lehrst die Menschen, sich ein abenteuerliches Leben zu machen und es zu genießen. Danke, dass Du meine Lehrerin bist. 🙂

    • Ach meine Liebe, so bin ich Lehrerin wider Wissen…
      Aber ich bin es gerne.
      Dicke Umarmung!!! <3

  3. monikakrampl monikakrampl

    Liebste Mirjana,

    Du bist ein aufrechter und wahrhaftiger Mensch! Ich benutze auch gerne altmodische Worte. In ihnen ist so manches Mal die Wahrheit ersichtlicher und begreifbarer als in neumodischen Worten. Unmittelbar, geradlinig – genau darauf hinführend, was es ist.

    Ja, Du bist mir auch eine Lehrerin! Ich bin 66 Jahre und ich lerne gerne Menschsein, von Menschen – egal wie alt sie sind – die so sind wie Du …

    Ich bin sehr froh und dankbar dafür, Deine Freundin sein zu dürfen!

    Alles Liebe Monika

    • Meine liebe Monika,
      wir haben uns gefunden, das wissen wir ja beide. Und das ist mir eine Freude.

      Ja, die alten Worte. Ich war schockiert nach meinen langen Jahren Abwesenheit in der deutschen Sprache, als ich wieder Kontakt aufnahm und feststellte, dass die Menschen Sprache nicht mehr verbindlich benutzen. Worte werden leergeredet. Dann wird schnell ein neuer Begriff, modisch und knackig, drum herum gewickelt. Und unterwegs geht der Sinn verloren.
      Vielleicht war das Unverbindliche früher auch schon so. Sicher sogar. Die Verbindlichkeit liegt nicht im Wort selbst, sondern im Menschen bzw im Sprachgebrauch.
      Doch die Sprache an sich hat sich schrecklich abgeflacht.
      Und das ist ein Jammer.

      Ich grüsse dich,
      mirjana

  4. Nicole Nicole

    So kann ich am besten verstehen wass du lebst. Wie es dir in die Lehre geht und mit den Jungs. Wass willst du mehr? Wass kann ich mehr schreiben? …. Alles hat sein Sinn, sein Platz… Verbunden bist du und ich freue mich dich durch deine Texte ein wenig zu begleiten. Nicole

    • Meine liebe Nicole,
      danke für deine Worte. Es freut mich so sehr, dich zu lesen!
      Alles hat seinen Sinn, seinen Platz.
      Das stimmt.
      Manchmal dauert es, bis wir den Sinn begreifen. Es ist wie ein Puzzle, alles fügt sich zusammen. Wenn ich denke, wie oft mein Leben aussah wie ein grosses Chaos…
      Schlussendlich ist dieses Chaos sehr gut. Denn es ist lediglich die Ankündigung einer grossen Überraschung.
      Denn wenn alles seinen Platz findet, dann wird unser Leben wie ein ausdrucksstarkes Gemälde.
      Le recul.
      C’est toujours le recul qui nous fait découvrir la beauté de nos choix et expériences. Et leur justesse.
      Je t’embrasse de tout coeur,
      mirjana

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