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Ich? Schuld? Nee, wieso…?

DSC00110Gestern traf ich eine Bekannte, frisch getrennt nach knapp 30 Ehejahren. Verzeihung: frisch verlassen.

Hastig, fast ohne Luft zu holen, schwappten die Worte über ihre Lippen. Mit erstickter Stimme sprach sie über ihre Kinder (bereits erwachsen), die unter der Trennung litten. Nein, nicht wirklich unter der Trennung, sondern darunter, dass Exmann und Vater ihr, der Mama, Leid zufügt.

„Il me fait souffrir.“
(Er macht mich leiden.)

Du bist Schuld!

Huch!?
Wie? Was? Ich bin Schuld…?

Du bist Schuld, dass es mir schlecht geht.

Ich bin Schuld, dass du leidest….?
Ja, stimmt, ich bin Schuld… Ich bin Schuld, dass du jetzt heulst, weil ich so blöd war, dir zu sagen, was ich empfinde…
So ein Scheiss. Empfinde ich da einfach etwas anderes, als du von mir erwartest hast! So ein Mist aber auch…
Was biste aber auch so wie du bist? Mensch, ich hab dich mir doch ganz anders vorgestellt! Naja, und ich hoffe schon, dass das noch was wird mit dir… Schliesslich sind wir doch alle entwicklungsfähig… Oder etwa nicht?

Du bist Schuld… Wegen DIR muss ICH leiden.

Ein ganz wunderbar funktionierender kraftvoller Mechanismus, der uns ermöglicht, uns selbst aus der Verantwortung zu ziehen und uns selbst und unsere Gefühle an den anderen abzugeben.

Erstmal durchatmen, wieder zu sich finden, sich selbst spüren, sich selbst wieder hören und vielleicht auch erhören…

Für mich war es ein Schlüsselerlebnis, zu lernen, dass ich zwar durchaus der Anlass fremden Leidens sein konnte, nicht aber der Grund.

Es war ein grosser Schritt in Richtung Eigenverantwortung und innerer Freiheit, mir darüber klar zu werden, dass niemand die Macht hat, mir Leid zuzufügen.
Niemand, ausser ich selbst.

DU kannst MIR nicht wehtun, aber ICH kann DICH durchaus dazu benutzen, um MIR SELBST weh zu tun.

6 Comments

  1. Liebe Mirjana,

    das ist ein sehr schöner erster Artikel, der Deine Position super deutlich macht. Und ich gehe da voll mit. Der letzte Satz gefällt mir besonders!

    Liebe Grüße
    Christina

    • Danke, liebe Christina. Das freut mich sehr, was Du schreibst. Deutlich und klar sein, das ist mir wichtig. Mir selbst gibt das Orientierung und Kraft. 🙂
      Und danke, ich wusste garnicht, wie schön das ist, gelesen zu werden und ein Feedback zu bekommen. Ich bin voller Freude heute!

  2. Ein sehr schöner Artikel. Es ist so verführerisch die Schuld nach aussen zu projizieren. Und ein sehr kraftvoller letzter Satz! 🙂 Der nächste Schritt wäre dann, mich nicht selbst dafür zu verurteilen, sondern bereit zu sein, mir die eigenen Anteile anzuschauen und zu heilen! Scham und Schuld sind machtvolle Gefängniswärter und wenn wir das Konzept verstehen, wie du es so schön beschrieben hast Mirjana, befreien wir uns wirklich. 🙂
    Liebe Grüsse, Stefanie

    • Hallo Stefanie, danke für Deine Worte! 🙂
      Ja, Scham und Schuld sind ein grosses Thema. Und es ist immer wieder überraschend, wo sich solche kleinen effektiven Gefängniswärter in uns verstecken, um uns das Leben zur Hölle zu machen.
      Das Konzept ist der eine Schritt, die Umsetzung der andere. Ich für mich habe festgestellt, dass ich nach dem Begreifen noch eine weitere Türe zu öffnen hatte: die im Bauch, im Gefühl. Die wurde fast noch besser bewacht als die Kopftüre.
      Das Gefühl der Freiheit und des Friedens, das sich nach Öffnen dieser Türe breitmacht, ist dafür unbezahlbar.
      Ich freue mich sehr an Deiner Reaktion. Werde das Thema in meinen weiteren Texten vertiefen. 🙂
      Lieber Gruss,
      miRjana

  3. Silke Silke

    Danke, Mirjana. Ein starker Text!

    • Danke, Silke! 🙂
      Immer wieder mit Freuden… 😉
      Lieber Gruss,
      miRjana

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