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Himmel auf Erden

DSC02756Wir schicken dir nächste Woche 5 Erzengel, 5 Tage lang. Also wenn du magst. Haste Lust?

Ach Herrje, auch das noch… 5 Erzengel… Boooh… Was muss ich grad eigentlich noch alles mitmachen? Fffffff…

Ich habe Hans und Bella Anfang September kennengelernt. Nun, ich habe die beiden aufgesucht, hatte von ihnen gehört und gespürt, dass wir uns treffen sollten. So bin ich. Ich spüre die Dinge. Ich nenne das Intuition und das passt dann ganz wunderbar für mich.
Ich bin ein handfestes Weib, steh mit beiden Füssen fest auf dem Boden, fühle mich auf hohen Absätzen schon zu flatterig, habe früher im Akrobatik-Unterricht immer lieber die untere Trägerposition vorgezogen, auch wenn ich dann in Kauf nehmen musste, einige Kilo Mensch auf meinen Schultern oder meinem Kopf zu balancieren. Also himmlische Sphären sind ja schön und gut, jedem das Seine, aber ich lebe meine Spiritualität auf dem Boden der Tatsachen und vor allem halte ich es da wie mit dem Sex: „Der Gentleman schweigt und geniesst…“

Aber gut. Hätte ich diese beiden Menschen nicht kennengelernt, gäbe es nicht einmal diese Webseite… Sie haben eben schon eine Menge in mir ausgelöst, so habe ich auch brav, wie sie mir rieten, meinen symbolischen Brief geschrieben (von dem ich dann ein andermal erzähle) und wider Erwarten hat das ja auch funktioniert und ne Menge in Bewegung gebracht. Und das trotz meines Kopfschüttelns und meiner Zweifel…

Also gab ich mir einen Ruck, vertrau einfach weiter, bist ja eh ein Bauchmensch und der Bauch sagt JA, auch wenn der Kopf sich schüttelt und wehrt.

Ok, gebongt. Sollen sie halt kommen, die Herren Erzengel.

Ein kleines Ritual gilt es zu beherzigen. Haus aufräumen, wenn möglich (passt, wollte ich eh tun), kleinen Altar bauen mit weisser Kerze, weisser Blume und einem Apfel (passt auch, ich mag gerne kleine Altare, also ich, für mich, in meinem ganz privaten Raum, geht ja nur mich was an), einen Brief schreiben mit drei Wünschen, einen für die Welt, einen für meine Familie und einen für mich (passt auch, sowas ist immer mal wieder eine gute Übung und die Überlegung Wert).

Am Ankunftstag um 21 Uhr die Türe öffnen, sie empfangen und hereinbitten, am Abschiedstag um 21 Uhr wieder die Türe öffnen und sie zu drei Menschen schicken, die man vorher in all dies eingeweiht hat sozusagen.

Ok… Also so spontan… pffff… sie wohin schicken, dann muss ich ja über meine Spiritualität reden, ohje, aber egal, ist wohl eh grad Thema in meinem Leben, das, was ich bin, in die Welt zu tragen… Mist, ich dachte, um dieses spezielle Thema käme ich rum… Lebe hier schliesslich friedlich in Frankreich. Hier wird sowas sauber getrennt. In den Schulen hängt da kein Kreuz, sondern der President an der Wand. Und Religion und alles was dazu gehört, gehört ins Schlafzimmer oder sonstwo hin, aber ganz bestimmt nicht in den öffentlichen Raum. Zähneknirsch, wenn es dadurch manchmal auch etwas trocken und öde wird im öffentlichen Raum, so passt mir das doch ganz gut. Meine Kinder sind nicht getauft, ich wollte ihnen bloss nichts aufs Auge drücken. Unser Denken ist frei. Macht das mal so, wie ihr wollt. Es reicht, dass ich jeden Sonntag in die Kirche musste, die ganze katholische Karriere, die einem Normalsterblichen möglich ist, durchlaufen habe (vom Messdiener über den Lektor bis zum Vorbereiter der kleinen Erstkommunionskinder… Was tut man nicht alles, wenn man keine Wahl hat…). Endlich volljährig war es mir ein persönliches Fest, demonstrativ aus der Kirche auszutreten. Dann kam damals auch prompt ein Brief vom Gemeindepfarrer, den ich garnicht kannte (ich war bereits umgezogen und lebte in einer anderen Gemeinde), ob ich mir auch im Klaren wäre, dass es nun eben keine Grabesrede bei meiner Beerdigung gäbe. Ich dachte, steck dir deine Grabesrede sonstwo hin, vorbei die Drohung mit dem Fegefeuer, ich hab die Nase voll von diesem Verein!
Aber gut. All das ist Vergangenheit. Es sollte ja nicht der Dorfpfarrer kommen, sondern 5 Erzengel.
Drum, was soll’s, ich mach das jetzt. Und diese 5 Tage zwischen Ankunft und Abschied werden wir schon irgendwie rumkriegen. Alles kein Problem. Wie ich schon sagte, bin ja ein handfestes Weib. So schnell wirft mich nichts aus den Latschen.

Zuhause rede ich erstmal mit meinem Mann. Der soll sich ja nicht wundern, wenn ich hier plötzlich wilde Dinge veranstalte. 
Mann gut, kein Problem, mein Mann ist offen für alles. Eine Perle eben. Meine Perle.
Hmmm, die Söhne…? Naja, die sind in den betreffenden 5 Tagen eh nicht zuhaus, sondern in den Ferien beim Papa. Also kann ich mir das sparen. Nur… Also… Hmmm… Ich kann eh nicht die Klappe halten und ist ja schon interessant, mal zu sehen, wie die Jungs so reagieren…

Wir kriegen übrigens Besuch nächste Woche…

Achja. Wen denn?

Hmmm. Also. 5 Erzengel.


Mutter, biste jetzt völlig übergeschnappt? Wirste jetzt schon wie die Oma?

Die grossen Augen und das Kopfschütteln muss ich hier wohl garnicht mehr erwähnen… Aber egal. Ich rede weiter, erzähle von meiner Begegnung mit Bella und Hans, dem symbolischen Brief. Daraufhin mein Sohn „ja! sowas klappt! da bin ich mir sicher!“, woraufhin die Mutter sich überrascht zu ihm umdreht… – die Mutter bin ich – wie…? Mein Sohn… Ach, der ist da offen? Grenzen sind in unserem Kopf. Ich schreib das ja so schön. Da hatte ich mich wohl an einer meiner Grenzen gestossen.

Um es kurz zu machen, jedes Kind hat mich bei meinen Vorbereitungseinkäufen begleitet, der eine für die Kerze, der andere für die Blume, und allein die Gespräche und Nähe in diesen Momenten waren das Experiment schon Wert. 

Am besagten Tag der Ankunft…
Die Jungs zum Bahnhof gebracht, wieder zuhause, letzten Kruscht wegräumen und die Uhr läuft…
Gegen 20 Uhr bin ich so dermassen angespannt, dass mein Mann nur noch vorsichtig an mir vorbeizieht. „Kann ich dir helfen, mein Herz?“ Und da bricht es aus mir raus. Balkandrama pur.

Ich weiss nicht, ob ich das kann! Was soll ich denn sagen nachher? Und in welcher Sprache?
(Blöde Frage, ich weiss, es geht ja nicht um Sprache… Aber für mich war das in dem Moment sehr wichtig…)

Und wenn ich nichts spüre??? Und wenn ich die Türe zu früh zumache und womöglich jemandem die Flügel einklemme, nur weil ich sie nicht sehen kann? Sowas macht man doch nicht!

Ja, lach nur. Muss ich inzwischen auch.
Dass so ein richtiges Balkandrama mit Rotz und Wasser einhergeht, muss ich das überhaupt erwähnen…? Egal, ich steh dazu.

„Mein Herz, soll ich sie an deiner Stelle empfangen? Also mir macht das nichts aus. Ich mach das gerne.“

Das ist die Stelle, wo sich zum Drama auch noch die Kriegserklärung gesellt hat…

Das ist meine Sache! Ich möchte nicht, dass du mir das abnimmst! Da muss ich jetzt durch! Das gehört doch dazu! 

Paukenschlag und Donnergroll… Wie friedlich es doch war im Hause hier zum Empfang dieser himmlischen Wesen… 

Ich ging duschen. Soviele Gefühle auf einmal, das schafft mich dann doch auch. Noch ein bisschen atmen. Und zwei liebe Freundinnen, an die ich die Herren dann weiterschicken wollte, schickten mir liebevolle Nachrichten zur Unterstützung. Und Herrgott, die werden mich schon nicht fressen, die Jungs!

Noch zehn Minuten.
Ich steh vor der Tür und warte. Meine Uhren gehen alle falsch. Also sie gehen alle vor, damit ich es schaffe, pünktlich zu sein, in meinem Leben.

Noch fünf Minuten.
Alles soweit gut. Ich bin wieder still und einigermassen ruhig. Reden werde ich deutsch. Klingt logischer heute. Und was soll ich nochmals sagen? Ach egal. Ich will das doch authentisch machen. Gelöst. Entspannt. Gelassen. Echt.

Noch zwei Minuten.
Himmel Herrgott! Und wenn sie sich in der Adresse geirrt haben? Ist heute überhaupt der richtige Tag?

Noch eine Minute.
Soll ich nochmals aufs Klo? Ja, aber dann komm ich womöglich zu spät und sie sind wieder weg… Warten lassen wäre auch unhöflich… Stimmt diese Uhr überhaupt? Wenn die jetzt auch nicht stimmt, weil ich immer alle Uhren verstelle? Ach nee, ist ja ne Satellitenuhr…

Huch! 21 Uhr!
Die Glocken draussen läuten! Sowas, die hab ich bisher noch nie gehört… Egal! Auf jetzt! Tür aufmachen! Und reden!

Ich mache die Türe auf und sehe… nichts. Logisch. Nach all dem Kopfkino war ich überall, nur nicht bei mir. Und was hätte ich auch sehen sollen…? Ich kann Energien nicht sehen. Höchstens spüren. Achja, spüren. Auch ne Idee. Spür! Spür! Spüüür…
Hab ich schon meine Willkommensgrüsse ausgedrückt…? Also, ääh, hallo und willkommen… Äääh…
Ich stehe im Treppenhaus und laber das Geländer an. Ich fasse es nicht. Und dann auch noch dermassen gekünstelt und unecht, mit wackliger Stimme, von wegen, handfestes Weib, feste Stimme, klare Ansprachen!

Ich stand geschlagene fünf Minuten in der Kälte, ehe ich dachte, also jetzt müsste auch der letzte der 5 im Hause sein, jetzt klemm ich bestimmt keinen mehr ein. Und wenn doch? Aber ich kann doch nicht ewig hier warten… Ach, jetzt ist gut!

Ich schliesse die Türe und geh leise zu meinem Mann.
Alles ok?
Ja, alles ok.
Hast du Hunger? Ich hab Suppe gemacht, mein Herz.
Ja, gut, ich hab Hunger. Oder auch nicht. Egal. Was essen macht Sinn.

Ich sitze vor meinem Teller Suppe und denke „Mensch, ist das unhöflich! Jetzt kommen die grade hier an und wir setzen uns an den Tisch und essen Suppe… Soll ich ihnen vielleicht auch einen Teller hinstellen? Also ein einziger Teller wär ja jetzt auch blöd. Sie sind doch zu fünft. Aber fünf Teller… Und sie essen doch eh nichts…“

Grade mal ne Stunde da und ich bin schon durch den Wind… Na, das kann ja heiter werden.

Am nächsten Tag musste ich zur Arbeit. Gut, kein Problem. Ich soll es ihnen einfach sagen und sie bitten, mitzukommen. Mit noch immer eher zweifelhafter Stimme berichte ich von meinen Tagesplänen.
Nur, wenn mich sonst niemand hört natürlich, ist schon schwer genug, alleine mit mir selbst.
In meiner Wohngruppe ist derzeit die Hölle los, soviel Gewaltausbrüche, soviel Leid, ich bitte um einen ruhigen friedlichen Tag, das kann ja nicht schaden.

Beim Rausgehen an der Tür wieder die Überlegung, wie lange man wohl ne Tür aufhalten muss, damit 5 Engel durchpassen… Aber ich gewöhne mich bereits an meine Gedanken, so bin ich eben. Mein kleines altes Auto, an dem drei von vier Türen klemmen… Wie sollen die da nur alle reinpassen? Naja, vielleicht fliegen sie mir ja hinterher? Oder hängen sich zum Fenster raus… Ach nee, die sind ja zu. Mensch, die werden das schon irgendwie hinkriegen, sei mal nicht so eng in deinem Hirn!

Mein Tag war ruhig. Und friedlich. Kleine Anspannungen, die sich schnell wieder lösten. Ich war dankbar.

Vielleicht ist da ja doch was dran… Wenn ich nur irgendwie ein klares Zeichen bekäme… Wäre mir schon lieber. Wie gesagt, handfestes Weib liebt handfeste Zeichen… Nur, was sind handfeste Zeichen…???

Nächster Tag, Sonntag. Ein paar Kilometer von hier entfernt ist ein Kloster. Dort kann man zur Messe gehen. Ich war zweimal dort, einmal an Weihnachten, einmal mit meiner Mutter, als sie zu Besuch kam. Jedesmal war schrecklich für mich. Nicht der Messe an sich wegen, es waren die Erinnerungen an die erzwungene Frömmigkeit, die mir noch in den Gliedern steckte.
Aber ich hatte Lust, meine Gäste mit zur Messe zu nehmen, weil es da oben so schön ist bei den Nonnen.

Das Balkandrama war auch mit dabei…
Rotz und Wasser ohne Ende. Zum Glück habe ich immer mehrere Päckchen Taschentücher in meiner Handtasche. Die erzwungene Frömmigkeit in meinen Gliedern musste sich wohl erstmal lösen. Dementsprechend schlecht ging es mir. Mir tat alles weh. Kurz vor Ende hatte ich einen Anflug von Migräne, mein Lebensleiden. Ich hatte schon als Kind Migräne ohne Ende. Später wurde es besser. Ich musste viel lernen über mich, und je mehr ich lernte, desto besser wurde es mit der Migräne. Heute habe ich sie eher selten.
Aber während der Messe platzte mir fast der Kopf. Mein Kiefer war versperrt und während die Nonnen sangen, machte ich Kiefergymnastik und rollte meinen Kopf in alle Richtungen, um nicht vollends durchzudrehen. Rotz und Wasser muss ich garnicht mehr weiter erwähnen… 

War es das also, was mir im Kindesalter den Kopf zerbrach? Mutters Zwang zur Frömmigkeit? Diese Enge, diese Starre, in die ich immer wieder rein musste und die mich schier zerbarst? Na super, danke Mutter…

Die Schmerzen verflogen.

Am Nachmittag kamen Bella und Hans zu Besuch. Ich freute mich sehr. Irgendwie brauchte ich auch ihre Hilfe. Ausserdem haben die beiden einen ganz anderen Zugang und wenn sie nichts spüren, dann haben sich die 5 doch in der Adresse getäuscht…

Als ich nur ansprach, dass ich komische Gedanken habe seit ein paar Tagen, lachte Bella laut los.
Ja! Eines ist sicher! Die 5 Wesen da um uns herum amüsieren sich köstlich seit sie hier sind! 

Damit war das Eis gebrochen. Achja… Sie amüsieren sich… Soso… Na jedenfalls sind sie dann schon mal hier angekommen… Flügel hab ich auch keine eingeklemmt… Alles ist gut… Ganz umsonst gestresst die ganze Zeit… Das ist mal wieder typisch für mich… Tsss… Aber egal… Wenn die Jungs sich amüsieren, dann werd ich jetzt einfach so sein wie ich bin und mir nicht mehr den Kopf zerbrechen, wie man gefälligst mit himmlischen Wesen umzugehen hat… Gut.

Am Abend lag ich auf dem Sofa, kuschelte mich unter eine Decke und blickte um mich. Mit klarer Stimme konnte ich endlich reden.
„Na, ihr habt also ne schöne Zeit, wie ich sehe… Also ich leg mich hier jetzt mal hin. Lieg ich jetzt auf eurem Schoss? Keine Ahnung, wird schon gut sein, wie es ist. Ganz schön kühl ist es heute geworden. Und es zieht ein bisschen. Sind das jetzt eure Flügel? Tanzt ihr hier um mich rum oder was, weil ich endlich nicht mehr so verklemmt bin?  Na gut, ich kann’s ja verstehen. Tanzt ruhig weiter. Ich bleib hier liegen. Schön, dass ihr da seid. Ich freue mich. Sehr sogar.“

Heute um 21 Uhr gehen sie wieder.
Ich hab mich inzwischen an sie gewöhnt.

Und viel gelernt.

 

2 Comments

  1. Silke Silke

    Made my day! Habe ich geweint – vor Lachen. 😉 Großartiges Kopfkino!

    Es ist toll, dass Du Dich auf Neues einlässt. Engel zu fühlen oder gar zu sehen, das ist für mich echte Bewusstseinserweiterung. Ich halte mich nicht für religiös und vielleicht ist das auch keine Voraussetzung für Engelsbesuch. Einige denken wahrscheinlich, dass es nur Humbug und Hirngespinste sind.

    Sollen sie. Denn es geht um ganz persönliche Erfahrungen, um Selbst-Bewusstheit und Meditation. Und um die Gesellschaft von 5 Unbekannten, die offensichtlich auch eine Menge Humor haben. – Ich wünsche mir, eines Tages auch so achtsam sein zu können, dass ich Engel wahrnehme.

    • Hallo Silke!
      Ich lach noch immer! Der Abschied war genauso lustig wie die Ankunft. 🙂
      Ja, Humor, das haben die Herren! 😉
      Und ich bin mir sicher, du wirst selbst auch Gelegenheit haben, diese himmelsjauchzende Erfahrung zu machen. Jedenfalls wünsche ich es dir. 🙂
      Ich bin dankbar, dass mich das Leben immer wieder herausfordert und mich ins Unbekannte schubst. Das sind doch wirklich herrliche Gelegenheiten, sich selbst neu zu entdecken! 🙂
      Ich grüsse dich!
      miRjana

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