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grenzen

Mein Sohn machte dieses Jahr Abitur.
Für seine mündliche Englisch-Prüfung bereitete er das Thema vor:

Schliessen uns Mauern ein?
Oder im Gegenteil, erlauben sie uns mehr Offenheit?

Ein tolles Thema, das er basierend auf politischen Mauern (Berlin, Belfast, China…) gesellschaftlich, psychologisch und philosophisch analysierte.
Wir haben viel Zeit damit verbracht, darüber zu diskutieren.

Ich will die „Mauer“ durch „Grenze“ ersetzen.

Ich glaube an Grenzen.
Im Französischen sage ich oft „Sans cadre, pas de liberté.“
Ohne Grenzen keine Freiheit.

„Le cadre“ übersetzt sich mit Rahmen, hier im Sinne von Regeln oder eben Grenzen.
Das ist eine der ersten Lektionen, die Menschen mit mir in der kreativen Ausdrucksarbeit lernen.
Einfach so loslegen und improvisieren ist sehr schwer.
Sich hingegen in einem gegebenen Rahmen zu bewegen, beflügelt die Fantasie.

Ich habe mich viel mit Grenzen auseinandergesetzt. Auch weil ich aus einem Elternhaus komme, in dem körperliche, emotionale und räumliche Grenzen nicht respektiert wurden.
Natürlich hat mich das geprägt.
Ich musste mir in mühsamer Kleinstarbeit das Spüren meiner Grenzen erarbeiten.
Das hat Jahre gedauert.

Ich lerne an mir selbst, was auf den ersten Blick paradox erscheint.
Je klarer meine Grenzen werden, desto freier werde ich als Mensch.

Ich sehe Grenzen nicht als etwas Einschränkendes.
Ich sehe die Mauer nicht als Ende meines Universums, sondern als Einladung, hinauf zu klettern und oben drüber zu schauen.
Ich sehe die Regel als einen Ausgangspunkt, der mir ermöglicht, mich und meine Arbeit (oder mein Leben) zu strukturieren und dann darin jede Form von Freiheit auszukosten.

In der kreativen Arbeit ist dies immer präsent.
Würde ich eine Gruppe Menschen in einen undefinierten Raum stellen und nur sagen: „Macht mal.“, dann würde schnell Chaos ausbrechen.
Stattdessen sage ich: „Von hier bis dort ist unser Bewegungsraum, in dem wir arbeiten. Innerhalb dieses Raumes arbeiten wir konzentriert. Jetzt geht durch den Raum. Achtet auf euer Gehen. Macht keinen Schabernak. Nehmt wahr, was um euch geschieht. Seht die anderen Menschen. Berührt euch nicht. Achtet darauf, dass der Raum stets im Gleichgewicht ist, d.h. dass ihr nicht plötzlich alle auf einer Seite geht. Atmet.“
Das ist eine Liste von Regeln.
Mit jedem weiteren Arbeitsschritt kommt eine weitere Liste an Regeln dazu.
Und was geschieht?
Das, was man als Einschränkung empfinden könnte, ist erstmal eine Herausforderung.
Es braucht ein bisschen, bis jeder alle Regeln integriert hat. Doch dann geschieht etwas Bezauberndes. Es beginnt zu leben.

Es beginnt zu leben.

Was ist dieses „es“?
Vielleicht ist mein Satz falsch.
Vielleicht müsste ich sagen „Leben ist.“
Oder „Leben wird.“
Ich weiss es nicht.

Die Konzentration vervielfacht sich umgehend.
Die gemeinsame Suche danach, den Rahmen, also die Grenzen zu respektieren, lässt eine kollektive Kraft entstehen. Das Individuum wird Teil des Ganzen. Und genau aus diesem Grund wird jeder individuell sichtbar.

Ohne klare Regeln und Grenzen würde das nicht entstehen.
Wir können dieses Spiel auf jeden Lebensbereich übertragen.
Das ist es, was ich an der Ausdrucksarbeit liebe.
Sie ist Leben.

Grenzen lösen oftmals Stress aus.
Manche Menschen erleben Grenzen als Herausforderung, andere als Einschränkung.
Ich finde es immer wieder spannend, meine eigenen Grenzen und meinen Umgang damit zu überdenken. In manchen Lebenssituationen habe ich noch keine Grenzen, da ich sie selbst erst neu erlebe. Und somit nie damit konfrontiert war, eine klare Grenze zu ziehen.

Vor einigen Jahren noch war ich ein Mensch, der sich komplett hintenan stellte.
Ich empfand mich als so wertlos, dass ich, bildlich gesprochen, mich entschuldigte, wenn sich jemand dreist auf mich setzte und mir ins Gesicht schiss.
Ich habe das lächelnd ausgehalten.

Das mache ich heute nicht mehr. Zum Glück.
Ich habe allerdings nicht vergessen, wie sich Ohnmacht anfühlt.

Ich musste gestern eine Grenze ziehen.
Ich bekomme manchmal Reaktionen auf meine Texte hier, die zu weit in mich und meinen persönlichen Raum hineinreichen. Und Grenzen ziehen ist genauso mein Lebensthema wie Grenzen überwinden.
Insofern ist es für mich immer ein Lehrstück, an dem ich mich üben muss und wachsen kann.

Ich schrieb einen Post auf Facebook, den ich hier zur Information im Kommentarbereich anhängen werde. Doch darum geht es mir jetzt nicht. Also um diese spezielle Grenze.

In den Diskussionen mit meinem Sohn sprachen wir viel über die inneren Grenzen im Menschen. Über das, was wir für unmöglich halten. Über das, was wir uns nicht zutrauen.
Wir sprachen auch darüber, wie Einschränkung eine ungeahnte Kraft wachsen lassen kann, wenn das wilde Wesen in uns nach Luft und Raum schnappt.
Vielleicht wäre dieses Wesen nie erwacht, wenn es die Grenze nicht gegeben hätte…?
Entstehen Dinge nicht erst dann, wenn das Gegenteil existiert?
Ohne Tag, keine Nacht.
Ohne Licht, kein Dunkel.
Ohne Kalt, kein Warm.

Ohne Grenzen, keine Freiheit.
Ohne Freiheit, keine Grenzen…?

Ich habe drei Jahre lang mit Menschen gearbeitet, die in schwerem Autismus eingekapselt sind. Gemeinhin denkt man, und konkret ist es gewiss auch so, dass diese Menschen innerhalb enger Mauern leben.
In sich selbst.
Und in unserer Gesellschaftsstruktur, also innerhalb unseres Systems.
Sie leben in Institutionen.
Mit oder ohne Mauern. Aber in jedem Fall in einem streng gefassten Rahmen.

Ich habe selten so freie Menschen erlebt.
Ja.
Ruhig nochmals lesen.

Ich habe selten so freie Menschen erlebt.

Gewiss, innerhalb unserer Gesellschaft erleben diese Menschen ausschliesslich Hinderung.
Wir übersetzen das dann rasch mit Behinderung und denken nicht weiter darüber nach. Wie so oft bei Etiketten.

Ja, in unserer derzeitigen Gesellschaftsstruktur sind diese Menschen ohne Assistenz nicht lebensfähig. Die Frage ist, sagt dies etwas über diese Menschen aus oder nicht eher etwas über unsere Gesellschaft…?

Ich bin hinsichtlich gesellschaftlicher Konventionen ein eher freier Mensch.
Als ich diese Menschen mit Autismus im Alltag begleitet habe, unter Tag, bei Nacht, unter der Woche und am Wochenende, da stiess ich immer wieder an meine Grenzen.
Ich.
Nicht sie.
Ich stiess mich an meiner Scham.
Ich stiess mich an meiner Angst.
Ich stiess mich an der Sinnlosigkeit mancher Regeln, die ich zuvor als selbstverständlich betrachtet hatte.
Wohingegen unsere Schützlinge sich lediglich immer wieder an unserer Unfähigkeit stiessen, in ihre Welt einzusteigen.

Wir sagen von Menschen mit Autismus, dass sie eingekapselt sind, abgegrenzt von der Welt.
In diesen drei Jahren begriff ich, wie eingekapselt wir doch sind. Wir, die sozusagen normalen Menschen. Und wie abgegrenzt wir sind von der Welt.

Grenzen sind also etwas Relatives.
Trotzdem brauchen wir sie.
Und sie sind im steten Wandel.
Wie wir selbst auch.

Ich glaube, dass die Auseinandersetzung mit unseren Grenzen zu unserer Basisarbeit als Mensch gehört. Vielleicht bin ich da naiv ohne Ende. Trotzdem bin ich davon überzeugt.

Basisarbeit ist nicht abwertend oder schmälernd gedacht.
Basisarbeit ist für mich Grundlagenarbeit.
Es ist wie Buchstaben lernen, um dann Lesen und Schreiben zu können.
Dann wiederum muss man Lesen und Schreiben praktizieren, um am Ausdruck und an der Qualität zu feilen.

Ohne Basisarbeit geht nichts.

Vielleicht haben sich manche Menschen auf den Schlipps getreten gefühlt, als ich gestern meine Grenze zog. Dann ist das so.
Es war nicht Sinn der Sache. Ich musste allerdings meinen Raum klarer abstecken. Und das habe ich gemacht.

Ehe ich es tat, hatte ich selbst den Eindruck, dass meine Grenzen überschritten wurden.
Und vielleicht habe ich mich auch beizeiten auf den Schlipps getreten gefühlt. Auch das ist kein Problem. Es ist eben so.

Wir lernen alle.
Voneinander.
Miteinander.
Durcheinander.
Und gegeneinander.

Wichtig ist nur, dass wir lernen.

Ich bin sehr froh über diese Erfahrung.
Sie hilft auch mir, besser zu verstehen, wo ich stehe.
Seltsam, nicht wahr?
Doch es ist immer und immer dasselbe.
Es ist die Reibung an der Aussenwelt, die klare Verhältnisse in unserer Innenwelt schafft.

Insofern, liebe Menschen, lasst uns gemeinsam lachen, wenn wir durch eine neue Grenze etwas überrascht oder geschüttelt werden. Nichts für ungut. Es ändern sich lediglich die Rahmenbedingungen. Nicht die Menschen selbst.

 

 

1 kommentar

  1. Liebe Menschen,
    es kommt vor, dass ich in Folge meiner Artikel privat angeschrieben werde.
    Mit Lebensgeschichten.
    Mit gewiss gut gemeinten Ratschlägen.
    Mit Diagnosen zu meiner Person.
    Oder selbst mit gleich angebotener Hilfestellung.

    Hmmm…

    Erstens:
    Ich bin ein grosser selbstverantwortlicher Mensch, der Hilfe sucht, wenn er Hilfe braucht. Also bitte keine Ratschläge, keine Diagnosen, keine Hilfestellung in welcher Form auch immer.
    Das fühlt sich mehr als intrusif an.

    Zweitens:
    Ich schreibe über Gefühle, über Intimität.
    Das hat zur Folge, dass Menschen sich wieder erkennen in dem, was ich schreibe.
    Das ist auch Sinn der Sache.

    Ich kann Gefühle in Worte fassen. Das ist wohl meine Gabe. Somit tue ich es auch.

    Da ich sehe, wie wortkarg Menschen oft sind, wenn es darum geht, Gefühle zu äussern. Wie verloren oder auch wie irritiert und aggressiv manche reagieren.
    Ich bin der Überzeugung, dass wir unseren Ausdruck, den wir haben, leben sollen.
    Wenn er anderen Menschen dient, umso besser.

    Das Sich-Wiedererkennen in meinen Worten erschafft eine Nähe. Das ist mir bewusst.

    Ich möchte aber meinen privaten Raum schützen, d.h. ich kann und will nicht in freundschaftliche Verhältnisse mit all meinen Lesern treten. Das geht gar nicht.

    Zum einen bin ich dazu nicht sozial genug.
    Zum anderen habe ich tiefe freundschaftliche Verbindungen, die meine private Zeit bereits ausfüllen.
    Es geht mir also sehr gut in dieser Hinsicht.

    Ich lese gerne eure Lebensgeschichten. Finde es wertvoll und wichtig, dass wir alle miteinander kommunizieren. Dass wir uns mitteilen. Dass wir einander zeigen, wie alltäglich doch unsere Gefühle sind.
    Ich kann aber nicht auf eure persönlichen Geschichten eingehen.
    Das ist nicht meine Rolle.

    Worum ich euch bitte:
    Wenn ihr eure Lebensgeschichte oder euer persönliches Erleben mitteilen wollt, dann tut es entweder auf meinem Blog oder unter meinen Posts hier. Als Kommentar. Öffentlich.

    Für mich als Privatmensch ist das zu schwer zu tragen. Es muss also im öffentlichen Raum bleiben.

    Als öffentliche Person kann ich euch nur eine Zusammenarbeit mit mir anbieten.
    Und diese liegt ganz klar im künstlerischen Ausdruck.
    Nicht in therapeutischer Arbeit.

    Ich freue mich, dass ihr meine Texte lest.
    Ich freue mich, dass ihr euch berühren lasst.
    Ich hätte nicht gedacht, dass ich einmal grenzensetzende Worte schreiben müsste.
    Doch es muss wohl sein.

    Danke, dies zu respektieren.
    Ich grüsse von Herzen.

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