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Gestatten? Ich bin mein Pressesprecher!

DSC00231Wie…? Dein Pressesprecher…?

Ja! Mein Pressesprecher eben. Ich dachte mir, ehe ich selber komme, schicke ich mal lieber meinen Pressesprecher vor…

Wie jetzt…? Du sagtest doch eben, du wärst dein Pressesprecher… Also bist du doch selber da…

Nein, nicht wirklich. Das ist ja der Clou! Ich selbst tu nur so, als wäre ich anwesend. In Wirklichkeit ist aber der, der mit dir spricht, mein Pressesprecher! Der weiss über alles Bescheid, er verkauft mich gut, und ich selbst habe meine Ruhe und bleibe unsichtbar.

…??? Wozu das denn?

Na jetzt aber! Denk doch mal nach! Wäre ich selbst anwesend, dann müsste ich ja über mich und womöglich auch noch über meine Gefühle reden. Also ehrlich gesagt, das ist mir zuviel. Und ich wüsste vielleicht auch garnicht, was ich sagen soll… Und womöglich wäre ich auch zu langweilig… Und wenn ich dann verlegen wäre? Also nee, das ist mir zu riskant… Da schick ich doch lieber meinen feschen Pressesprecher vor, der klopft dann seine Sprüche und macht seine Spässchen, hat immer ne schlagfertige Antwort und ehrlich gesagt, der ist doch sowas von cool, also, er ist einfach förderlicher für mein Image!

Hmmm… Ok, wenn du meinst…

Und übrigens, darf ich vorstellen? Das da drüben ist dein Pressesprecher!

Hä??? Wieso mein Pressesprecher??? Du bist doch dein eigener Pressesprecher… Wieso hab ich jetzt jemand anderen, der mein Pressesprecher sein soll?

Ja, also dieser dort ist ein ganz besonderer Pressesprecher. Der hat sich soweit von sich selbst weggearbeitet, dass er jetzt nur noch auf einem hohen Niveau der Pressesprecherei tätig ist. Er spricht jetzt eben ausschliesslich über andere.

Boooh, ist das kompliziert… Und was macht dieser Pressesprecher da so…?

Na, er erzählt, wie du bist und wie du dich gibst und was du so denkst und was du gut machst oder falsch. Also, der redet halt über alles Mögliche, was dich betrifft. Naja, und das erzählt er dann eben jedem, der es hören will. Und denen, die es nicht hören wollen, auch. Ist ja schliesslich sein Job.

Ich kenne den doch garnicht. Woher soll der das denn alles wissen?

Mensch, entspann dich mal! Du brauchst ihn nicht zu kennen. Er kennt dich ja auch nicht. Du selbst interessierst ihn ja auch nicht. Der will einfach nur über dich reden…

Wieso das denn? Der kann doch über sich selbst reden…

Mensch, jetzt sei doch nicht so blöd! Es ist doch viel interessanter, über dich zu reden. Der weiss auch noch ne ganze Menge über viele andere! Jetzt freu dich doch mal…
Ausserdem, würde er über sich selbst reden, das wär doch total unspannend… Also, dann wäre er ja einfach nur er selbst…

Ja, das wäre er dann… Einfach nur er selbst. Also, ich selbst fände das schön. Ich selbst rede viel lieber mit dir selbst, anstatt mit deinem Pressesprecher. Und auch mit ihm dort selbst… Ist doch viel einfacher und direkter und schöner…

Du bist echt ein hoffnungsloser Fall!
Zum einen: würde jeder für sich selbst sprechen, dann wären doch all diese Pressesprecher arbeitslos!
Und zum anderen: mein Pressesprecher gibt doch viel mehr her als ich selbst. Durch ihn werde ich erst richtig interessant. Und ausserdem berührt mich dann alles nicht so…

Ja, genau das ist doch schön! Dass du selbst anwesend bist und von dir selbst erzählst, mit all dem, was du selbst bist. 

Hmmm… Ja, aber mein Pressesprecher kommt viel besser klar mit dem Pressesprecher da drüben. Noch dazu vertritt der mich auch immer mal wieder und redet dann über mich. Also wenn ich mir da jetzt irgendwie eine Blösse gebe, stell dir das nur mal vor, dann erzählt der das wieder überall rum und gibt seinen Senf dazu! Und was mach ich dann? Wie stehe ich dann da?

Hmmm… Na, du stehst dann eben zu dir. Wo ist das Problem?

Du meinst, ich selbst? So ganz ohne Pressesprecher?

Ja, ich meine du selbst, so ganz ohne Pressesprecher.

Und wenn ich selbst aber garnicht weiss, was ich selbst fühle und bin…?

Na, dann sagst du eben, dass du selbst gerade garnicht mehr weisst, was du fühlst und bist.

Glaubst du wirklich, dass das dann jemanden interessiert?

Ja, bestimmt, das glaube ich. Also ich selbst finde das sehr spannend. Ich kenne das ja auch, dass ich nicht weiss, was ich fühle und bin. Und so ist es doch gut, wenn man sieht, dass man da nicht alleine ist.

Hmmm… Das leuchtet ein…
Dann werde ich aber verwundbar…

Nicht verwundbar. Du wirst authentisch und dadurch menschlich.

Authentisch… Achso…
Und menschlich…

.


.

Ich liebe es, im Duden zu graben. Nach all den Jahren im Ausland ist das manchmal auch mehr als sinnvoll. 

Authentizität

Echtheit (Herzlichkeit, Identität, Reinheit)
Glaubwürdigkeit
Sicherheit (Gewissheit, Bestimmtheit)
Verlässlichkeit (Gründlichkeit, Sicherheit, Sorgfalt)
Wahrheit (das Wahrsein, Übereinstimmung einer Aussage mit der Sache, über die sie gemacht wird, Richtigkeit, wirklicher und wahrer Sachverhalt, Tatbestand, Erkenntnis (als Spiegelbild der Wirklichkeit), Lehre des Wahren)
Zuverlässigkeit (Anstand, Anständigkeit, Aufrichtigkeit, Beständigkeit, Ehrlichkeit, Geradheit, Geradlinigkeit, Integrität, Lauterkeit, Rechtschaffenheit, Redlichkeit, Unbescholtenheit, Unbestechlichkeit, Vertrauenswürdigkeit, Wahrhaftigkeit, Loyalität)

Diese kleine Wortreise durch den Duden zeigt uns viele Begriffe, die wir auch in Verbindung mit der Stimme, dem Klang eines Menschen bringen können.

Natürlich kommt Authentizität zum Ausdruck, wird hörbar, wird spürbar, wird erkennbar.
Ebenso wie das Sich-Fremdsein oder Sich-Fernsein hörbar, spürbar und erkennbar ist.

Kann die Arbeit an unserer Stimme uns authentisch werden lassen?

Stimmarbeit ist keine Wunderheilung, leider. 
Die Stimme deckt auf. Der Mensch hört sich. Er nimmt sich wahr.
Sich hören motiviert bestenfalls uns Menschen, achtsam mit uns zu sein und all das in unserem Leben und Empfinden, in uns selbst, wieder soweit ins Lot zu bringen, dass sich auch unsere Stimme wieder voll entfalten kann.

Wie viele andere Arten des künstlerischen Ausdrucks spiegelt auch die Stimme unser Inneres wieder. Im Unterschied beispielsweise zu Tanz, Theater oder Malerei kann nur kaum jemand sagen, er könne nicht sprechen.
Und absolut niemand, er könne nicht atmen.
Ausreden, um sich nicht achtsamer wahrzunehmen, werden somit schwierig… 

Das ist das Schöne an der Stimme. Sie erinnert uns. Und manchmal ermahnt sie uns auch. Täglich. Ständig. Wenn wir nur den Mund aufmachen.
Entwickelt man erst einmal ein Feingefühl für seine Stimme, so ist die Flucht vor sich selbst nur noch schwer möglich.
Man kann sich Vieles vormachen, klar.

Hörbar bleibt es aber.

Mein Pressesprecher war ein knallharter Konkurrent zu mir selbst. Und ich hab ihn auch gerne vorgeschickt, wenn ich mich selbst irgendwo zeigen sollte. Aus Angst, selbst nicht interessant genug zu sein. Aus dem Druck heraus, mich beweisen zu müssen. Oder um einem Bild von mir gerecht zu werden, dem ich im Grunde eh nicht entsprach.
Und doch ist mein Leben viel schöner, angenehmer und interessanter seit ich mich von dem Kerlchen getrennt habe. Und jetzt alleine dastehe.

Alleine mit mir.

Gestatten? Hier bin nur ich!

Ich wünsche den Pressesprechern da draussen einen wohlverdienten Ruhestand. 

4 Comments

  1. Hallo Du,
    schöner Artikel. Hat mich und meinen Pressesprecher voll angesprochen. Der darf dann jetzt noch mehr Urlaub machen als sonst schon und vielleicht schick ich ihn irgendwann ja auch wirklich ganz in Rente. 🙂

    Liebe Grüße
    Christina

    • Hallo Christina,
      gute Idee, schick ihn in Rente. 🙂
      Dann gehen meiner und deiner zusammen Kaffee trinken. 😉
      Ich grüsse dich!
      miRjana

  2. Silke Silke

    Interessante Sichtweise. Ich habe auch einen Pressesprecher. Dem habe ich gerade frei gegeben. Hier bin also „nur“ ich – ganz und gar.

    Deine Geschichte verwirrt mich. An der Stelle mit dem „besonderen Pressesprecher“ kann ich nicht mehr folgen. Und Verwirrung ist ja eine top Voraussetzung für Veränderung.

    Ich habe mit meinem Pressesprecher eine tolle Vereinbarung. Er ist hauptsächlich Berater und erinnert mich daran, dass Vorwärtsstürmen nicht immer meine beste Option ist. Manchmal schicke ich ihn vor. Meistens, um meine Ruhe zu haben. Um alleine zu sein. Ich mag ihn, meinen Pressesprecher.

    Wichtig bei allem: dass ich immer auf MICH höre und vertraue. Auf meine Stimme. Damit alles stimmig ist. Jeden Tag mehr. 😉

    • Hallo Silke,
      ja, ich denke schon, dass so ein Pressesprecher auch gute Arbeit leisten kann. Wenn er in echtem Kontakt ist mit uns selbst. Die Frage stellt sich dann nur, ist er dann am Werkeln oder bin ich es selbst mit meiner Vorsicht…

      Mir geht es in diesem Artikel um die Masken, die wir uns so sehr aufsetzen, bis sie mit unserem Gesicht verschmelzen. Der Pressesprecher, der so oft und so stark präsent ist, dass wir selbst nur noch mühevoll auftauchen, wenn überhaupt.
      Der „andere“ Pressesprecher stellt für mich die Menschen dar, die garnicht mehr sich selbst in Szene setzen, sondern nur noch über Dritte reden. Und da wird Begegnung noch schwieriger. Wenn sie überhaupt noch möglich ist.

      Sich selbst zu spüren und sich seiner bewusst zu sein, dann auch mal Pressesprecher spielen (aber nicht sein 😉 ), das gefällt mir gut. Ich habe auch öffentliche Seiten und private Seiten, klar. Aber schlussendlich bin alles ich. Ich verrate mich nicht mehr. Hmmm, inzwischen. Hab mich früher ganz schön lange hängen lassen. 😉

      Ich grüsse dich!
      miRjana

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