Zum Inhalt springen

gelassenheit

Ich bin gerade überrascht, denn beim Nachschlagen im Duden lese ich unter Gelassenheit « Gottergebenheit ».
Und jetzt strömen tausend Bilder in meinen Kopf, die da vorher so nicht waren.

Doch erst einmal nur zur Gelassenheit an sich.
Ich durfte mich darin üben diesen Sommer. Und ich tue es noch immer.

Ich glaube, ich bin inzwischen ein Mensch geworden, den so leicht nichts mehr aus der Ruhe bringt. Jedenfalls an der Oberfläche. Über den Untergrund frage ich es mich manchmal selbst. Ich weiß, ich kann oberflächig ruhig bleiben und bekomme dann plötzlich Magenschmerzen oder Verdauungsstörungen, dann sehe ich, daß ich untergründig wohl doch nicht so wirklich gelassen bin.

Es ist also ein stetes Ausloten, ein Beobachten, ein Sich-Kennenlernen.

Viel Gelassenheit habe ich in den vergangenen drei Jahren auf meiner Arbeit in einer Institution für erwachsene Menschen mit schwerem Autismus gelernt. Es ist die Gelassenheit Gefühlen anderer Menschen gegenüber.

Wenn der Andersmensch in seine Abgründe steigt und beispielsweise Angstzustände bekommt, dann ist es ihm keine Hilfe, wenn ich selbst auch Panik bekomme. Autisten sind Spürmenschen, so habe ich sie jedenfalls erlebt. Wenn Kommunikation nicht über Worte und intellektuelle Konstrukte stattfindet, dann bleibt erstmal nur das Empfinden. Das Beobachten. Das Ausstrecken aller vorhandenen Antennen, um eventuelle Krisen vorab zu erwittern und bestenfalls abzufangen.

Kommt die Krise trotzdem, und sie kommt heftig, dann haben Flucht und Widerstand und Kampf keinen Sinn. Dann kann man nur noch Fels in der Brandung sein.
Und Felsen sind gelassen.
Das weiß jeder.

Äußerlich gelassen wirken, innerlich aber zu zittern, das klappt nicht. Denn wie gehabt, Autisten sind Spürmenschen. Und eben so, wie ein Neugeborenes sein Umfeld erspürt und empfindet, und dann darauf reagiert, so erspürt der Autist auch die Wahrhaftigkeit der Gelassenheit.

Ich habe gelernt, mitten im krisenreichen Gefühlssturm eine wohlige atmungsaktive Blase um mich entstehen zu lassen, die mich meine Ruhe bewahren ließ und gleichzeitig meine Präsenz mit dem Andersmenschen nicht schmälerte.

Ich habe Gelassenheit gelernt.

Manchmal mußte ich aufpassen, denn unsere inneren Irrwege sind immer und überall.
Wie ich hier schrieb, wuchs mir zeitweise eine Elefantenhaut, ein dickes Fell. Ist das dann noch Gelassenheit?

Die Grenze zur Banalisierung ist seifig.
Auch die zur Resignation.
Da muß man Acht geben. Wachsam sein. Sich regelmässig hinterfragen.
Gelassenheit klingt natürlich schöner als Abgebrüht-Sein.
In der Form mögen sie sich ähneln, in ihrem Inhalt sind sie grundverschieden.

Meine Gelassenheitsübung für diesen Sommer war und ist das Erwarten einer Antwort hinsichtlich meiner Ausbildung.
Ich möchte am 7. September eine Ausbildung zum Kunstschreiner beginnen und warte noch immer darauf, daß mein Dossier durch die Kommission des finanzierenden Organismus geht. Seit Monaten werde ich vertröstet auf ein späteres Datum. Diesmal soll mein Dossier am 1. September bearbeitet werden. Nun, viel später wird eh nicht mehr möglich sein. So bestehen also gute Chancen, daß dieses Datum der Realität entspricht.

Wie gehe ich damit um? Also innerlich?

Ich kann eh nichts dran ändern. Und jetzt muss ich schmunzeln, denn es stimmt, das nennt man gottergeben.

Ich kann nichts an der Situation ändern, ich habe alles getan, was in meiner Macht stand, mehr kann ich nicht tun. Also haben Hadern, Aufregen, Stress etc. keinen wirklichen Sinn.
Es fällt mir nicht immer leicht. Und manchmal platze ich fast. Und laß es dann wieder ziehen. Denn es bringt nichts.

Ich glaube, es ist wichtig, sich dies vor Augen zu halten.
Es gibt Dinge, die in unserer Macht stehen. Und ja, dann sollten wir auch alles daran setzen, wenn wir diese Dinge erreichen wollen.
Und es gibt Dinge, die nicht von uns abhängen.
Die muß man loslassen lernen.
Es hat eh keinen Sinn.
Denn sie hängen ja nicht von uns ab.
Wozu also sich den Stress machen?

Es ist schwer, in einer Zwischenwelt festzuhängen, in der man nicht weiß, ob es jetzt in die eine Richtung geht oder in die ganz andere.
Klar.
Wie jeder Mensch mag auch ich Klarheit.

Hier in Frankreich zu leben, hat mich gelehrt, da weicher, flexibler zu werden.
Andere Länder – andere Sitten.
Für französische Verhältnisse bin ich oftmals schockierend direkt und geradlinig.
Für germanische Verhältnisse wiederum erstaunlich glitschig und anpassungsfähig.

Manchmal regt es mich auf, daß ich so lange warten muß. Ich finde es respektlos, ja unverschämt. Vor allem von einem Finanzierungsorganismus, der sich um Sozialarbeiter kümmert.

So funktioniert das hier. Alle Arbeitnehmer zahlen monatlich in ihre Ausbildungskasse und können dann, wenn sie bestimmte Bedingungen erfüllen, eine Weiterbildung beantragen. Einfach dargestellt. In meinem Fall bekomme ich meine Ausbildung finanziert (ca. 14000 € an das Ausbildungszentrum) und gleichzeitig erhalte ich selbst während meiner Ausbildung ein monatliches Gehalt, damit ich während dieser Monate auch weiterhin leben kann.
Eine wirklich gute Sache.
Es gibt viele unterschiedliche Kassen. Da ich in den vergangenen Jahren im sozialen Bereich gearbeitet habe, hänge ich von der Kasse der Sozialarbeiter ab.

Ja, und dann habe ich Mühe. Weil immer gepredigt wird, daß Sozialarbeiter mit Menschen arbeiten (was stimmt) und es deswegen immer um Respekt und Kommunikation und sonstwas gehen muß (was auch stimmt). Und dann ist genau diese Kasse die langsamste. Was zur Folge hat, daß sie einfach so in letzter Minute über den Antragsteller und über das Ausbildungszentrum verfügt. Und die Menschen dann schauen müssen, wie sie zurecht kommen.
Respektvoll kann man das nicht nennen.

Ja, sowas nervt mich.
Ändern kann ich es aber nicht.
Nur einen Brief schreiben, sobald ich eine Antwort habe. Was ich dann auch tun werde. Weil ich denke, daß man diese Art der Organisation ein wenig überdenken sollte.
Mehr kann ich nicht tun.
Also hat stundenlanges Aufregen keinen weiteren Sinn.

Dieses Akzeptieren hat wieder etwas mit der Frage hinsichtlich « Drama oder Tragödie » zu tun.
Es geht um dasselbe im Grunde.

Wenn ich meine Rolle akzeptiere, dann akzeptiere ich auch, daß bestimmte Dinge nicht in meiner Macht stehen. Sie entsprechen nicht meiner Rolle, sondern der eines anderen Menschen. Dann kann ich mir das Drama ersparen. Das Schimpfen und Nölen, das Jammern und Klagen.
Dann ist es halt so.
Basta.

Geholfen hat mir natürlich mein Tapetenwechsel.

Meine Reise nach Österreich hat mich in eine andere Welt katapultiert. Ich habe viel Abstand zu meinem Leben hier bekommen. Mir alles aus weiter Ferne angeschaut.

Des weiteren hat mir geholfen, daß ich andere interessante Angebote bekommen habe. Ich mußte mir plötzlich die Frage stellen, was mir nun wichtiger ist. Bzw wie wichtig mir diese Ausbildung überhaupt ist.

Sie ist mir wichtig.
Ich habe wirklich Lust auf sie.
Ich schlawenzel bereits seit mindestens drei Jahren um diese Schule herum und finde sie einfach nur grandios.

Nur, was hat das Leben mit mir vorgesehen?
Das weiß ich nicht.
Das ist wohl die gottergebene Seite der Gelassenheit.
Unser Wille allein zählt nicht.

Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg…
Das ist nur bedingt richtig.

Ja, wenn wir etwas wollen, dann sollten wir alle nötigen Dinge in unsere Waagschale legen, damit das Gewicht auf unserer Seite ausschlägt. Wenn wir das aber getan haben, dann kann uns trotzdem das Leben dazwischenfunken und ganz anders entscheiden.

Und ich habe bisher immer erlebt, daß es dann auch seine Richtigkeit so hatte.
Und so bin auch ich bis zum Anschlag gespannt, was denn nun gerade ansteht in meinem Leben.
Ich weiß es nämlich nicht.

Ich habe viele verschiedene Wege, die sich mir öffnen. Manche lassen sich durchaus zeitgleich beschreiten. Ich kann Querverbindungen bauen. Alles kein Problem.
Aber es kann auch nur ein einziger Weg sein. Auch das ist möglich.

Ich stehe weder vor einem Abgrund, noch vor einer Wand.
Ich stehe vor der Vielfalt.
Und wünsche mir Klarheit.
Damit ich dann auch den Rest entscheiden und organisieren kann.
Und ich übe mich in Geduld.

Ist Geduld dasselbe wie Gelassenheit?

Der Duden sagt:
Ausdauer im ruhigen, beherrschten, nachsichtigen Ertragen oder Abwarten von etwas.

Hmmm, naja, ich finde, die beiden ähneln sich schon sehr.
Und ich glaube, beide haben auch etwas mit Demut zu tun.

Zur Demut sagt Herr Duden:
In der Einsicht in die Notwendigkeit und im Willen zum Hinnehmen der Gegebenheiten begründete Ergebenheit.

Ich finde, die Querverbindungen zwischen Geduld, Gelassenheit und Demut werden klar sichtbar.
Wir leben in einer Welt, die ihre Werte immer mehr verliert.
Die Schnelllebigkeit unserer Gesellschaft macht uns Menschen ungeduldig.
Die Non-Stop-Erreichbarkeit in der Kommunikation oder aber im Erhaschen von Information macht uns Menschen fordernd, unsere Erwartungshaltung wächst, wir reiben uns an unserer eigenen Überheblichkeit.

Ich glaube, es ist gut, sich in Gelassenheit, Geduld und Demut zu üben.
Ich glaube, es ist heilsam für den Menschen, sich damit auseinander zu setzen.
Ich glaube, es ist wichtig, ein ausgewogenes Gleichgewicht zwischen Himmel und Erde zu finden, zwischen dem, was manche Menschen Gott nennen und der menschlichen Inkarnation.
Ich nenne es das Leben.

Gottergebenheit…
Für mich persönlich bleibt der Gottesbegriff zu verschmutzt von der fanatisch katholischen Erziehung meiner Mutter. Also benutze ich ihn nicht.
Ich habe große Mühe, wenn Spiritualität in eine untergebene (und dadurch gleichsam in eine überhebliche) Form geht. Meine Gedanken dazu kannst du hier nachlesen.

Für mich hat es etwas mit Urvertrauen zu tun.

Und dieses Urvertrauen hängt NICHT davon ab, wie unsere ersten Lebensjahre verlaufen sind, ob uns unsere Mütter an ihre warmen, liebenden und schützenden Brüste drückten und so weiter.
Bestimmt nicht.
Dann hätte ich keines.
Ich habe es aber. Und ich hatte es schon immer. Manchmal habe ich gezweifelt. Meistens nicht.

Für mich ist das Urvertrauen eine Quelle, an der sich jeder Mensch laben kann. Er muß sich lediglich dazu entscheiden.

Es gibt also keine Entschuldigung, keine Ausflucht, kein Jammern „man hat mir das aber nicht mit in die Wiege gelegt!“.
Nein, das gibt es nicht.

Es gibt ausschließlich unsere Entscheidung.
Es liegt ausschließlich in unserer Macht.

Und das…
… ist…
… genial!

 

 

Sei der Erste der einen Kommentar abgibt

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.