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geburtstag

Gestern war mein Geburtstag.
Ein ruhiger, gewöhnlicher, friedvoller Tag.
Und eben mein Geburtstag.

Ich wurde von liebevollen Glückwünschen überschüttet. Magische Facebook-Welt, die unser Netzwerk daran erinnert, wann man ein Jahr älter wird.
So bimperte mein Computer, dazwischen auch mein Handy, Echtpost kam auch ins Haus geflogen, manche Wünsche wurden ausgesprochen, viele wurden mir geschrieben.
Es war eine Freude für mich.

Und darüber will ich schreiben.
Diese Freude am Tag meines Wiegenfestes ist nicht selbstverständlich für mich.

Ich denke an das Mädchen zurück, das ich einst war.

Damals galten solche Regeln wie „wenn ich bei einer Person eingeladen werde, dann muss ich sie auch zu mir zurück einladen“.  Oder eben umgekehrt.
Vielleicht gelten diese Regeln auch heute noch, keine Ahnung. Ich habe die allermeisten solcher Gesellschaftsregeln in mir zerstört. Ich funktioniere nicht mehr so.

Ich bin ein Migrationskind.
Zwar wurde ich in Deutschland geboren, ein oder knapp zwei Jahre nach der Einwanderung meiner Eltern. Meine älteren Brüder wurden einige Jahre zuvor in Jugoslawien geboren.
1978 wurden wir alle deutsch eingebürgert.
Da war ich 7 Jahre alt.
Ich kann mich nicht an die Einbürgerung erinnern. Ich weiss nicht, ob meine Eltern damals darüber mit uns gesprochen haben. Ich habe das irgendwann als junge Erwachsene bemerkt, als ich meine Einbürgerungsurkunde fand. Erst da wusste ich, dass ich nicht immer deutsch war.

Wahrscheinlich war ich es noch nie. Doch das ist eine andere Geschichte.

Wir kamen mehr schlecht als recht durchs Leben.
Wir lebten auf dem Land, meine Eltern hatten ein viel zu grosses Eigenhaus gebaut, waren bis über beide Ohren verschuldet und wir wuchsen auf einer permanenten Baustelle auf.

Armut ist keine Schande, finde ich.
Auch ich habe in meinem Erwachsenenleben Zeiten der finanziellen Armut durchlaufen. Es war nötig, ich musste lernen.
Ich musste meine Geschichte lernen.
Auch meine Ursprungsgeschichte.

Dazu gehört auch meine eigene Auswanderung nach Frankreich. Doch auch das ist eine andere Geschichte.

Damals, als ich ein Kind war, schenkten wir als Geburtstagsgabe Briefpapier oder ein Buch.
Nicht die Welt, doch es war bereits etwas Besonderes.
Und es war teuer.
Zu teuer für mein Elternhaus jedenfalls.
Wenn wir einluden, dann wurde Kuchen gebacken, Schokolade-Würfeln gespielt, Topfschlagen mit kleinen Überraschungen drunter, und der Hit war natürlich, wenn die Gäste am Ende mit einer kleinen Tüte Bonbons nach Hause gehen konnten.

Nichts besonderes.
Doch es war teuer.
Zu teuer für mein Elternhaus jedenfalls.

So kam es, dass ich zwar anfangs ein paar Einladungen bekam, nicht immer hingehen durfte, da das Geld nicht reichte für ein Geschenk. Oder womöglich war das Fest in einem anderen Dorf. Dann käme auch noch das Benzingeld dazu.
Doch schlimmer war noch diese Regel „wenn ich heute auf diesen Geburtstag gehe, dann muss ich auch zu meinem einladen“.

Und das kostete zuviel.

Zwar haben wir meinen Geburtstag auch mal organisiert, einmal, zweimal, ich weiss es nicht mehr.
Ist auch nicht wichtig.
In meiner Erinnerung ist geblieben, dass ich irgendwann nicht mehr eingeladen wurde. Weil ich ja nie selbst ein Fest machen durfte.
Oder wenn ich eines geben durfte, dass dann kaum jemand kam.

Irgendwann hasste ich meinen Geburtstag.

Das Schlimmste war, wenn niemand kommen wollte.
Zur Erleichterung meiner Mutter, denn so sparten wir das Geld. Und ich kann es verstehen. Wir hatten einfach keines.

Bei uns zuhause wurde nie wirklich gefeiert.
Der Gedanke, dass eine Geburtstagsfeier bedeutet, dass man das Glück feiert, ins Leben gekommen zu sein, der kam mir erst Jahre später. Als ich selbst Mutter wurde.
Trotzdem blieb es ein Leid für mich, meinen eigenen Geburtstag zu feiern.
Ich fand es überflüssig.

Tief in mir schämte ich mich dafür, am Leben zu sein.

Und das verdammt lange.
Ich legte nicht das Wort „Scham“ über mein Empfinden. Ich war viel zu cool, um mich zu schämen.
Scham und Schande waren die Worte, mit denen ich aufgezogen wurde. Wie oft hörte ich, dass ich eine Schande war. Und ob ich mich nicht schämen würde…
In meiner Gesellschaftsrebellion habe ich dann auch diese Begriffe in mir zerbombt.
So etwas fühle ich nicht!

Ich musste das Erspüren dieser Empfindungen erst wieder lernen.
Und konnte sie dann irgendwann wirklich loslassen.
Scham.
Schande.
Schuld.

Sch-Worte.
Wie Scheisse.

In meiner Klasse auf dem Gymnasium war ich lange Jahre ein Aussenseiter.
Es gab nicht viele Ausländerkinder damals, die aufs Gymnasium gingen. Ich erinnere mich an einen anderen Jungen aus meiner Stufe, dessen Name eingedeutscht war. Und dessen Vater ein angesehener Arzt war in der Kleinstadt.
Mein Vater war Schlosser.
Meine Mutter Hilfsarbeiter.

Ich war rothaarig. Das war damals mehr als uncool.
Und durch die Strenge und Einfachheit meines Elternhauses hatte ich einfach nicht dieselben Möglichkeiten.
Bei uns gab es keine intellektuellen Gespräche. Und wir sprachen zuhause Ausländerdeutsch. Sprach ich Schuldeutsch, so warf mir meine Mutter Überheblichkeit vor. Mein Vater sprach gar nicht. Ausser mit seinen Fäusten.
Und in der Schule kannte ich kein einziges Fremdwort und wurde regelmässig zum Gespott meiner Mitschüler.

Ich war die, die nirgendwo hinpasste.
Und das bin ich heute noch.
Nur bin ich es heute gerne.

Ich kannte mich mit der modernen Musik nicht aus, wir hatten keine Stereoanlage zuhause.
Ich kannte Musikantenstadl und Gitte.
Aber bestimmt nicht U2, Boy George und wie sie sonst noch alle hiessen.
So war es mir ein Greuel, als nach den klassischen Poesie-Alben diese Schulfreundebücher der Hit wurden. Das war wieder wie zum Geburtstag eingeladen zu werden, und mit leeren Händen dazustehen.
Manchmal schrieb ich den Musikgeschmack meiner coolen Klassenkameraden ab.
Manchmal traute ich mich, „Gitte“ zu schreiben. Nicht, weil sie mir gefiel, sondern weil ich sie wenigstens kannte.
Bei Berufswunsch schrieb ich lange Jahre „Stewardess“.
„Schauspieler“ wollte ich eigentlich werden. Doch das schrieb ich nur selten. Aus Angst vor Gespött.
Und Schauspieler wurde ich.

Noch heute weiss ich nicht, was ich sagen soll, wenn mich jemand nach Lieblingsfarben, Lieblingsmusiker, Lieblingsfilmen, Lieblingsbüchern fragt.

Ich habe keine Lieblingssachen.
Ich hatte noch nie welche.
Beziehungsweise ich hatte es mir früh abgewöhnt, welche zu haben.

Ich sah meine Lieblingsspielsachen vor meinen Augen in den Müll wandern, wenn ich mein Zimmer nicht so gut aufgeräumt hatte, dass es der Überprüfung meiner Eltern standhielt. Oder es wurde direkt vor meinen Augen zertrümmert. So konnte ich mir das Herumschleichen um die Mülltonne auch sparen. Wobei ich es mich eh nicht getraut hätte, irgendetwas wieder aus der Tonne zu ziehen.

Doch auch das ist im Grunde eine ganz andere Geschichte.

Wie sollte ich den Tag lieben und feiern, an dem ich geboren wurde?
Bei alledem?
Ich wusste, dass meine Geburt keine Freude war.
Ich war das Kind nach der Auswanderung. Das fremde Kind.
Und ich war das Kind, das meine Mutter daran hinderte, sich von meinem Vater zu trennen und mit meinen Brüdern eigene Wege zu gehen.
Ich war Schuld.
Ich brauchte gar nichts Schlimmes zu tun, ich war allein durch meine Existenz Schuld.

Erst vor zehn Jahren konnte ich dieses Gefühl soweit in mir auflösen, dass ich am 19. Mai aussprechen konnte „ich habe heute Geburtstag“.
Das Feiern dieses Tages ist mir bis heute nicht wichtig.

Umso mehr berührt es mich, wenn mir Menschen schreiben, wie glücklich sie sind, dass ich geboren wurde. Dass mein Geburtstag ein Freudentag für sie ist.

Ich lerne.
Ich lerne von Menschen.
Auch das lerne ich von ihnen.

Gestern war mein Geburtstag.
Ein ruhiger, gewöhnlicher, friedvoller Tag.
Und eben mein Geburtstag.

Es war ein schöner Tag für mich.
Ich habe mich berühren lassen von dieser Freude, die andere Menschen empfinden, wenn sie an mich denken.
Manchmal habe ich gelacht.
Manchmal geweint.

Ich denke an das Mädchen zurück, das ich einst war.
Und ich freue mich, dass es sie gegeben hat.
Und ich freue mich, heute am Leben zu sein.

Danke an euch für all eure lieben und warmen Worte.
Danke, dass es euch gibt.

 

 

2 Kommentare

  1. Ach meine Liebe… wieder mitten ins Herz :*

    • Ich danke dir, meine Liebe.
      So soll es auch sein.
      Mitten ins Herz.
      Und von Herz zu Herz.

      Ich grüsse dich.
      Von Herzen.
      😉

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