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freischlag

Aaah!
Ich habe ihn weggeschickt!
Auf Urlaub, auf den Mond oder in die Hölle.
Völlig Wurst.
Jedenfalls geht es mir seither hundertmal besser.

Mir war gar nicht so klar, mit wieviel Perfektionismus ich an mein Projekt herangegangen bin.
Da ich eh nichts weiss und mich immer wieder halbblind voran taste, hatte ich nicht den Eindruck, zu hohe Ansprüche an mich zu haben.

Aber Lüge.
Meine Ansprüche waren überall.
Nicht unbedingt sichtbar, jedoch in meinem Kopf.

So habe ich immer ein wenig Herzschmerz, wenn ich kein wertvolles Holz verarbeite.
Oder weil ich nicht vom rohen Baumstamm an beginne. So wie ich es vergangenes Jahr eben gelernt habe.
Ich blicke unwirsch, wenn bei meiner Wandvertäfelung ein Nagel nicht so versinken will, wie ich es mir vorstelle und dann doch zwischen den Leisten hervor blitzt.

Und welch eine Erleichterung erlebe ich seit dem Tag, als ich anfing, Schrauben zu benutzen, anstatt alles feinsäuberlich zu nageln. Und zu akzeptieren, dass man diese Schrauben womöglich sehen wird am Ende.

Jetzt kann ich lachen über mich.

Die letzten Wochen lachte ich auch, immer wieder, jedoch fluchte ich mindestens genauso viel.
Naja, gefühlt.
Ich bin zum Glück eher ein frohes Gemüt.

Dann habe ich immer im Kopf, dass ich ja alles hier dokumentiere.
Und somit all meine Fehlungen sichtbar werden.
Und ich irgendwann schon auch Tiny Houses verkaufen möchte.
Und dann muss doch dieser Van auch nach etwas aussehen, oder?

Nur, es ist mein Prototyp.
Es ist eine Übung.
Es ist eine riesige Herausforderung, denn ich habe so etwas noch nie gemacht.
Das ist unvergleichbar mit dem Bau eines Möbels mit historischem Flair in kostbaren Essenzen. Denn dieses Teil wird täglich fahren, über Stock und Stein, es ist ein Lebensraum und muss einerseits praktisch und andrerseits urgemütlich sein. Und auch dann noch halten, wenn ich eine Vollbremsung einlegen muss.

Ich habe mich freigeschlagen.
Freigeschlagen von mir und meinen unangemessenen Erwartungen an mich selbst.

Dann höre ich immer wieder die Stimme meines Ausbildungsleiters vom vergangenem Jahr im Ohr.
Pas de ça chez nous!
Das ist sein Lieblingssatz. Wir hörten ihn hundertmal am Tag.
Sowas gibt es bei uns hier nicht!
Und das kann alles betreffen.
Eine ungeschickte Geste, eine unglückliche Kerbe im Holz, etwas zu unsauber geschliffen, eine unaufgeräumte Werkbank, ein flatterndes Kleidungsstück. Die Liste ist lange.
Und ich merke es immer wieder, wie Marc mir im Nacken sitzt.
Pas de ça chez nous!
Ich denke mir oft, er fällt doch halbtot um, wenn er meine Arbeit hier unter die Lupe nimmt.
Nirgendwo sind Schwalbenschwanzverbindungen, nirgendwo Nut und Feder, nirgendwo habe ich eine Fläche bis zur 220er-Körnung hingebungsvoll von Hand geschmirgelt.

Doch auch von ihm habe ich mich freigeschlagen.
Puh!
Welch eine Hürde.

Ich weiss noch, als ich damals aus der Schauspielschule kam.
Wir mussten uns alle erstmal vom Erlernten befreien, um unseren eigenen Stil zu finden. Wir waren noch zu sehr in der Schablone gefangen oder in eine Form gegossen.
Das ist wohl immer so, wenn wir etwas neu lernen.

Das muss ich jetzt auch tun.

Zudem möchte ich später ja keine ausgebauten Vans verkaufen.
Und die Tiny Houses bauen wir zu dritt. Meine Partner haben jahrelange Berufserfahrung, ich bin eher das Sprachrohr und werde handwerklich immer weiter lernen.

Ausserdem werde ich mein Tiny House so konzipieren, dass es nicht nur aus krummen Wänden besteht. Die treiben mich im Van nämlich zeitweise fast in den Wahnsinn. Ich muss immer alles anpassen. Ich kann nie etwas im Atelier bauen und dann in den Van bringen. Es geht nicht. Ich baue alles vor Ort.
Wie oft denke ich, welch Glück ich habe, dass tagsüber die Sonne rauskommt oder der Wind nicht heftig bläst. Denn momentan kann ich den Van nicht mehr ins Atelier stellen zum Bauen, da ich die grosse Kreissäge brauche und der Van sonst die Maschine blockiert.

Auch würde ich jetzt schon so ziemlich alles komplett anders machen. Dabei bin ich noch nicht einmal fertig.
Nicht unbedingt die Platzeinteilung, die gefällt mir recht gut. Aber die technischen Überlegungen, das Konzipieren oder auch bestimmte Konstruktionsentscheidungen könnten weit besser sein.

Aber gut, das kann ich vorab ja nicht wissen.
Ich muss es ja erstmal lernen.

Mir ist in diesen Wochen Vieles klar geworden.
Zum einen sehe ich, dass wir oft weit mehr können, als wir annehmen.
Ich sehe immer wieder, dass ich trotz allem weiterkomme. Vielleicht einfach durch meine Sturheit, weiterkommen zu wollen.
Vielleicht auch durch den Druck, weiterkommen zu müssen, denn sonst steh ich in einer Woche ohne Dach da.
Klar habe ich Notfall – Ausweichmöglichkeiten.
Meine liebe Nachbarin hat mir ihr Gästezimmer angeboten.
Meine Söhne würden mich auch nicht von der Türe weisen, aber gut, ich habe keine grosse Lust, als Mama in ihr frisch erschaffenes eigene Leben aufs Sofa zu ziehen.
Und ich habe weitere Optionen, in Südfrankreich, in Wien, in Schwaben.

Ich falle nicht ins Bodenlose.

Aber das sind jetzt wirklich nur Notfalloptionen für mich. Gut zu wissen. Mehr soll es aber nicht sein. Sonst kommt schnell die Versuchung der Ausrede, hatten wir ja schon, dieses Thema.

Seit gestern habe ich für drei Tage Unterstützung.
Mein Lebenspartner ist gekommen und greift mir unter die Arme.
Nun, er ist kein Handwerker. Aber er kümmert sich ums Essen, um die gute Laune, ums Aufräumen und um all die kleinen Handgriffe, die ich ihm überlassen kann.
Und da es sein Van ist, können wir auch gemeinsam Details durchsprechen.
All das erleichtert ungemein.

Ich fühle mich beflügelt, meine Kraftreserven haben sich wieder gefüllt, ich friere nicht mehr non-stop, was vorher der Fall war.

Es hat sich etwas geändert.

Ich habe meinen kindlichen Eifer wiedergefunden.
Einfach drauf los werkeln.
Sich keinen Kopf machen, also ausser wenn es ums technische Tüfteln geht.

Das Leben wird so um Einiges leichter.

Auch ist der Druck draussen, was den Folge-Van angeht.
Ich kann meine Lesereise im Frühjahr in diesem Van machen und muss mich so nicht drängen, alles ruckzuck fertig zu bekommen.

Was natürlich auch gerade zu kurz kommt, ist meine Lehrarbeit. Davon lebe ich allerdings und ich brauche Zeit, um meine Kurse weiter zu vermarkten. Mein Buch zu schreiben. Meine Bilder zu malen.

Es ist also ein megagrosser Freischlag gerade.

Dementsprechend gut geht es mir.
Wie so oft, merke ich erst jetzt, nach dem Druck ablassen, wie sehr mich all diese Punkte belastet haben. Die Freiheit, die ich mir aufbaue, hat sich fast selbst erstickt.
Das ist ja auch nix, gell?

Und so sag ich mir, Mimi-Mausi, mach mal halblang. Jetzt bauste so weit du kannst. Geniesse es. Dann gehst du im Dezember ins Vorarlberg und gibst deinen Workshop. Dann fährst du Weihnachten und Neujahr in den warmen Süden nach Spanien, und danach bauste wieder. Einfach lässig bleiben und nicht rumstressen. 

Ja.
Und seither geht es mir wieder gut.

Und deshalb, lieber Mensch, einfach mal durchatmen, Prioritäten setzen, den Rest rausschmeissen und erleichtert weiterleben.

Minimalismus für die Seele.

Und meinem Perfektionisten schicke ich dann ne Urlaubskarte aus Spanien.

 

 

 

 

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