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einsam

Heute ist wieder solch ein Tag, an dem ich schreiben muss, was in mir ist, um weitergehen zu können. Und so schreibe ich diesmal über mein Gefühl der Einsamkeit.

Ich habe es bereits in einem meiner letzten Artikel erwähnt, dass dies ein einsames Projekt ist. Ich bin den ganzen Tag mit meinem Van und mir selbst konfrontiert. Sogar nachts verfolgt er mich inzwischen.

Heute morgen wachte ich vor innerer Kälte zitternd auf.

Ich blieb zuhause, um mich aufzuwärmen, mit heissem Tee, vitamingeladenen Früchten und meiner Wärmflasche. Es klappte nicht.
Irgendwann am Nachmittag fiel ich dann erschlagen ins Bett. Voll angezogen und immer noch an die Wärmflasche geklammert. Inzwischen bin ich aufgewärmt.

Ich war erschöpft.

Ich weiss nie, wie ich morgens aufwache.

Ich denke oft an das Ausbildungsjahr zurück. Ich fiel früh am Abend in einen Koma ähnlichen Schlaf, um in der Frühe aufzustehen und zur Schule zu fahren. Meist ging es einfach, manche Tage waren schwerer. Doch egal, wie es mir ging, ich hatte meine Lehrer, die mich an der Hand nahmen und mir sagten, was ich machen sollte.

Heute bin ich Schüler und Lehrer in einem.

Und der Lehrer in mir weiss noch dazu technisch nicht sonderlich viel, jedenfalls nicht genug. Der Lehrer in mir kennt sich aus mit Lernzyklen und Motivation, mit Empfindungen, Psyche und Körper.
Das ist nicht schlecht, nur nicht das, was ich gerade brauche.

Ich fühle mich einsam heute.

Es geht nicht um die zwischenmenschliche Einsamkeit, nein, ich habe in dieser Hinsicht meine Unterstützung und Begleitung.
Mir fehlt ein Arbeitspartner, ein Denkkumpane, ein Mensch, zu dem ich mal kurz gehen kann und der mir wieder auf die Sprünge hilft.

Ich erinnere mich an die Konzeption des Sekretärs letztes Jahr.
An all die unzähligen Stunden, die ich im Zeichensaal verbrachte. Es fällt mir so schwer, einen Bauprozess zu planen. Ich war wie ein unbändiger Hengst, lief manchmal ruhelos umher, dachte ich komme niemals zu einem Ende und litt wie Sau, um es kurz und bündig zu sagen.

Zum Glück hatte ich mein binôme, meinen werten Arbeitspartner und Freund, Olivier, der zur selben Zeit im selben Raum sass, ebenso verzweifelte, da er technisches Zeichnen von Hand hasste.

Wir stützten uns gegenseitig, lachten miteinander, erzählten uns Geschichten aus unserem Leben oder schwiegen einfach nur, während wir uns durch die Pläne quälten.

Und vor allem, wir waren füreinander da.

Sobald einer in einer Überlegung festhing, sprach er kurz den anderen an, und wir suchten gemeinsam nach Lösungen. Wir kannten die Pläne des Anderen in- und auswendig. Mussten uns nicht mühsam in die Konstruktion eindenken.
Auch kam unser Ausbildungsleiter Marc immer wieder vorbei und tüftelte mit uns.

Und jetzt bin ich alleine mit alledem.

Ich fühle mich wie ein Küken am Nestrand, das irgendwie weiss, dass es fliegen könnte, aber noch nicht die Sicherheit hat, dass es auch wirklich klappen wird.
Nur sitze ich nicht mehr am Nestrand.
Ich habe den Stoss bereits bekommen und fliege und flattere, ich sumpfe ab und stürze, ich flattere wieder, und ich falle erneut.

Klar, nichts Weltbewegendes, doch es ist furchtbar anstrengend.

Meine Situation ist radikal.
Ich weiss es.
Ich habe sie ja entschieden und gewählt.
Ich denke zurück, wie ich vor 21 Jahren hierher nach Frankreich kam. Ich merke gerade, dass ich diesmal den Jahrestag vergessen habe, sonst denke ich jedes Jahr kurz daran. Auf meinen Papieren steht mein offizielles Einreisedatum in Mama France, der 5. November 1996.
Diesmal hatte ich Anderes im Kopf. Der Jahrestag ist an mir vorbei gerauscht, übersehen im Eifer des Gefechts.

Damals war meine Situation auch radikal.

Ich kam schwanger als frisch diplomierter Schauspieler nach Paris.
Zu einem Mann, den ich kaum kannte.
In ein Leben, das mir nicht entsprach, das ich damals aber so erhoffte.

Manchmal erhoffen wir uns Leben, die uns nicht entsprechen.
Vielleicht weil wir selbst irgendetwas entsprechen wollen.
Bei mir war das damals so.

Ich zog aus einem Schweizer Bergdorf in eine millionenschwere Weltmetropole.
Wechselte die Landessprache.
Verlor meine finanzielle Unabhängigkeit.
Auch mein persönliches Umfeld, sowie mein berufliches Netzwerk.
Und musste meinen Beruf zur Seite legen.

Jetzt denke ich gerade, vielleicht muss sich die Radikalität von damals heute wieder aufwiegen, um ins Gleichgewicht zu kommen.

Keine Ahnung.
Morgen denke ich bestimmt etwas Anderes dazu.

Hätte ich nicht diese radikale Situation erschaffen, ich würde wohl kaum so intensiv und bewusst in dieser Auseinandersetzung mit mir sein.

Und ich bin ja auch froh darüber, sagte ich meiner lieben Freundin, denn in mir entsteht gerade nicht nur tiefes Verständnis, sondern auch ein Arbeitskonzept, wie man Menschen in heftigen Umbruchsituationen begleitet.
So ist der Pädagoge in mir wieder mal glücklich, das war er vergangenes Jahr auch, als er alle positiven Punkte und die vielen pädagogischen Schwachstellen im Ausbildungszentrum analysierte.
Immerhin hat einer was davon.

Ich selbst bin letztes Jahr immer wieder durchgedreht.
Ich selbst wollte nicht mit pädagogischen Schwachstellen konfrontiert sein, ich hatte bereits meine eigenen zu flicken.

Und so ist es jetzt.

In mir der Teil, der mit Abstand schaut und dem es deshalb gut geht.
Und in mir der Teil, der im Hier und Jetzt hängt und der genau aus diesem Grunde leidet wie Sau. Wieder kurz und knackig.

Ich fahre Achterbahn.

Wenn ich sage, ich weiss nicht, wie ich morgens aufstehe, dann meine ich das.
Ich bin heute in einem Zustand der Erschöpfung, der nur noch das Hinnehmen leben kann.

Das ist ein Zustand, den ich in meiner Lehrarbeit bewusst herbeiführe.
Wenn ich Kurse gebe, arbeite ich zeitintensiv.
Ich weiss, dass durch Müdigkeit die Widerstände brechen.
Und da meine Kurse nicht zwei Monate dauern, sondern vier Tage, nutze ich die Zeitintensität, um in der Entwicklung weiter voran zu kommen.

Der Lehrer in mir jubelt schon wieder.
Gut gemacht, Mimi, das erlebst du gerade auch.
Leck mich am Arsch, denke ich.

Es ist nicht einmal so, dass ich Angst habe.
Ich weiss, ich werde den Van in einen Zustand bringen, der mir das Nächtigen erlauben wird.
Ich weiss es einfach.

Dann werde ich wenigstens diesen Teil hier, die Wohnung, nicht mehr beleben müssen. Ich kann mir die täglichen Autofahrten sparen, muss die inneren Widerstände nicht mehr überwinden.
Denn dann werde ich einfach die Situation sein.
Dann werde ich in meinem Werk stehen.
Dann werden wir eins sein.

Nein, es ist die Einsamkeit.
Es ist die ausgestreckte Hand, die mir fehlt.
Das ermunternde Lachen und das gemeinsame Fluchen.

Wieder denke ich an vergangenes Jahr zurück und daran, wie umwälzend solche Erwachsenenbildungen doch sind. Wir wurden alle in unseren Grundfesten erschüttert, jeder auf seine Art und Weise.
Die jüngeren Lehrlinge, die noch relativ frisch von der Schulbank kamen, hatten nicht dieselbe Problematik.
Doch wir, die älteren Jahrgänge, die bereits ein Leben hinter uns hatten, einen Beruf, eine Familie, wir gingen ganz anders an diese Ausbildung heran.

Für manche war es ein Strohhalm nach einem Burnout.
Für manche eine Hoffnung auf eine interessantere Zukunft.
Für manche eine Auszeit aus einem vergifteten Alltagstrott.

Wir sind nur wenige, die wirklich weitermachen.
Wenige, die sich am Holz festhalten und es versuchen.
Ich verstehe das.
Hätte ich nicht dieses Angebot von Romain gehabt, gleich in ein Atelier mit einzusteigen, ich weiss nicht, wie ich weitergemacht hätte.

Ich weiss aus Erfahrung, dass es wichtig ist, nach einer Ausbildung das Gelernte ins Leben zu integrieren. Sonst geht viel verloren. Dabei ist es egal, um welche Art von Ausbildungen es sich handelt.

Doch es ist ein Kampf.
Jeden Tag.

Ich stähle etwas in mir.

Ich weiss noch nicht genau was. Vielleicht ist das auch nicht wichtig. Also das Benennen.
Ist es mein Willen?
Mein Durchhaltevermögen?
Meine Disziplin?
Mein Selbstvertrauen?
Meine innere Stabilität?
Oder ganz anders, ist es meine Zerbrechlichkeit?
Meine Durchlässigkeit?
Meine Überwindung?
Oder meine Einsamkeit?

Ich werde es später wissen, was ich alles gelernt habe.
Und so wichtig ist das Benennen gar nicht.

Wichtig ist nur, zu erleben.

 

 

 

 

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