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die leidige Spiritualität…

Das Leben schenkt uns nichts.
Aber es bietet uns alles.

Ich habe Mühe.

Oft lese ich in den Social Media Zeilen wie:
„Sie kamen zu mir.“ (Wer? Die Inspirationen.)
„Das wurde mir zugeflüstert.“ (Von wem? Von irgendeiner supralokalen Macht.)
„Das war plötzlich in mir.“ (Was? Die unerwartete Erleuchtung, sie kam in mich und ich zu ihr, genauso wie die Jungfrau zum Kind.)

Ich habe Mühe.

Oftmals lese ich solche Worte in esoterisch angehauchten Kreisen. Und – schrei! – Mann, Mann, Mann – viel zu oft sprudeln sie aus der Feder von Frauen.

Ich habe Mühe!

Ich nehme mich selbst als einen Menschen mit spiritueller Öffnung und Sichtweise wahr. Doch in erster Linie bin ich Mensch.
Mensch!
Nicht Engel.
Nicht Göttin.
Nicht Stein.
Ich bin Mensch.

Ich habe Mühe.

Was bedeutet es, Mensch zu sein?
Ist Menschsein nicht mehr genug? Besteht deshalb das Bedürfnis, diesen Zustand aufzupäppeln mit sanft-seichten Federleinworten?
Wir sind Menschen aus Fleisch und Blut.
Und genau darin liegt unsere Herausforderung.
In diesem sehr konkreten Zustand.

Wir können uns noch so sehr an eine spirituelle Welt klammern, schlussendlich stecken wir hier in unserem leiblichen Leben.
Und das ist gut.

Das ist nicht mehr.
Das ist nicht weniger.
Es ist, was es ist.
Das ist Leben.

Ich habe Mühe.

Das Leben bietet uns in erster Linie etwas, von dem alle sprechen und träumen, doch das die wenigsten leben:
Freiheit.

Freiheit ist, wie all die Dinge, die uns das Leben bietet, nicht einfach ein Geschenk, das wir irgendwann vor die Füsse gelegt bekommen und das wir dann freudestrahlend auspacken dürfen.

Das Leben bietet uns die Freiheit. Aber es ist an uns, diese auch zu nehmen.
Es liegt in unserer Verantwortung, die Entscheidung für die Freiheit zu treffen.
Es ist unsere Wahl, Freiheit zu leben.

Ich habe Mühe.

Die Freiheit ist nur ein Beispiel. Ich kann das Wort durch jedwedes andere Wort ersetzen.
Durch Inspiration.
Durch Kreativität.
Durch Liebe.
Egal.
Denn im Grunde, wenn ich jedes dieser Worte auf seinen Kern herunter reduziere, dann komme ich auf einen gemeinsamen Nenner.
Ja.
Auf die Freiheit.

Ich habe Mühe.

Wie kommt es, daß gestandene Menschen in meinem Alter (ich bin Mitte 40, und ich gehe davon aus, daß ein Mensch in diesem Alter auf dem Boden steht), solche Sätze von sich geben?

Das ist die Frage, die sich mir stellt.
(Sie kam zu mir… Und mußte einfach raus, diese kleine Frage… Göttliche Eingebung…?)

Warum schreiben Menschen solche Sätze?
Warum ist es nötig, die simple Arbeit menschlicher Hände aufzuwerten durch göttlich eingehauchte Eingebungen? Steigert dies den Verkaufswert?

Warum ist der Mensch sich nicht Mensch genug?

Ich habe Mühe…

Wo bleibt unsere Bescheidenheit?
Unsere Demut?
Und auch unsere Anerkennung dessen, was wir sind?
Was wir  s i n d .

Unser Leben entsteht durch unserer Hände Arbeit.
Durch unsere Entscheidungen, die wir treffen oder eben auch nicht treffen. Was ja auch wieder eine Entscheidung ist.
Durch unseren Entschluss, so zu leben, wie wir es wollen.

Ja.
Der Wille ist nicht alles.
Stimmt.
Das Leben schmettert uns immer wieder in unsere Realitäten zurück, wenn wir ihnen zu sehr zu entweichen suchen.

Das ist für mich Spiritualität.

Diese Verbundenheit mit dem Leben.
Die Bereitschaft, sich neu zu überdenken, neu zu definieren, weil das Leben uns eine Mauer vor die Nase setzt. Oder weil wir plötzlich mit leichter Klarheit unseren Lebenshorizont überblicken.

Wir werden eh unsere psychischen Grenzen sprengen müssen. Sie aufarbeiten. Sie zerkauen. Sie verdauen. Sie überwinden.
Dasselbe gilt für unsere seelischen Grenzen (wobei sich hier auch die Frage stellt, ob „Seele“ und „Grenze“ sich nicht von vorne herein ausschliessen.)

Spiritualität leben, bedeutet für mich, Tango tanzen mit dem Leben.

Ein stetes aufeinander Hören. Ein sich führen Lassen. Ein selbst Führen. Ein Hin und ein Her.
Ich bin nicht das Opfer meines Lebens, ich bin ihm nicht ausgeliefert.
Genauso wenig habe ich alles im Griff, hängt nur alles von mir ab.

Das Leben bietet mir alles.
Und ich, Mensch, habe die Rolle hier auf Erden, mich vor diesem Erlebnisbüffet für die Erfahrungen zu entscheiden, die ich machen möchte.
Das ist meine Freiheit.

Wenn ich mich dann entschieden habe, auf welcher Ebene auch immer, dann muß ich erstmal die Ärmel hochkrempeln.
Denn jetzt fliegt mir nicht einfach alles zu.
Nein.
So Leid es mir tut.
Nein.
Jetzt kommt meine Verantwortung ins Spiel.
Jetzt kommt der Hände Arbeit.
Jetzt kommt das Konkrete.
Denn nicht vergessen, wir sind als Mensch aus Fleisch und Blut hier auf der Erde, das hat schon seinen Sinn.
Jetzt liegt es an uns, was wir aus dem Angebot des Lebens machen.
Und das liegt allein an uns.
Diese Freiheit ist vielleicht das größte und auch das schwierigste Angebot, dem wir uns stellen müssen.

Wach auf, Mensch!

Die schlimmste Illusion ist womöglich die, zu denken, wach zu sein, und in Wirklichkeit nur mit den Augen zu blinzeln. Seicht-sanfter Fötenmensch, der verzückt ruft: „Welt, schau mal, das ist mir zugeflogen…“
Dann kommt noch der spirituelle Hochmut auf uns niedergeschossen und flüstert uns lieblich ins Öhrchen: „Hallo süße Göttlichkeit, ich bin deine Eingebung…“.

Ich habe Mühe. Keine Frage.

Selbstbestimmt leben.
Wachsamkeit.
Achtsamkeit.

Wahre wichtige Worte, heute ausgelutscht bis zur Unkenntlichkeit, mißbraucht und verschleudert, bedeutungsgeschwängert in die Welt gepupst.
Ich kann das befriedete Grunzen der wallenden fliessenden strömenden Feenfräulein bis hierher nach Südfrankreich hören…

Mensch!

Ich bin nicht Göttin.
Ich bin nicht Engel.
Ich bin nicht sonst irgendetwas, das aus mir ein Wesen macht, das dann vielleicht existenzberechtigter oder dekorativ verschnörkelter ist als Ottilie Normalverbraucher.

Ich bin gerne Ottilie Normalverbraucher.
Ich bin gerne einfach das, was ich bin.
Es ist mehr als genug.
Und es ist meine Herausforderung.
Dieses Leben so zu gestalten und so zu leben, daß es mir im bildlichen Sinne Flügel wachsen läßt.
Ja.
Okay.
Fliegen werde ich aber erst bei meinem letzten Flug hier aus diesem Leben.
Heute lebe ich.

Als Mensch.
Der furzt.
Der kackt.
Der pinkelt.
Und rülpst.

Als Frau.
Die blutet.
Die vögelt.
Die sanft wiegt.
Und wild schreit.

In einem Körper.
Der tanzt.
Der schmerzt.
Der mal schön ist.
Mal nicht.

In einem Leben.
Das mal leicht geht.
Mal schwer.
Mal unklar.
Und mal zielsicher.

Doch hier in meiner Realität, hier in meinem Zwiegespräch mit mir selbst, hier kann ich ansetzen und tun.
Tun.
Leben ist ein aktiver Zustand.
Leben findet im Tun statt.
Kreativ leben benötigt hochgekrempelte Hemdsärmel.
Lebendig sein fordert manchmal auch, mit den Händen tief im Dreck zu wühlen.

Und das ist gut!

Das Leben schenkt uns nichts.
Aber es bietet uns alles.

Es liegt alleine an uns, dies auch auszuschöpfen.

Lasst uns Menschen sein, die mit Rückgrat in ihrem Leben stehen.
Voll und ganz.
Selbstbestimmt und frei.

Mit all meiner Liebe,

mirjana

 

 

 

 

4 Kommentare

  1. Christine Wirth Christine Wirth

    Du sprichst mir aus dem Herzen!!!

    • Liebe Christine,
      hätte ich es nicht geschrieben, wäre ich wohl erstickt.
      Ich grüsse dich.
      mirjana

  2. gaius gaius

    Liebe Mirjana,

    ich glaube, ich kann Dich verstehen. Ein großer Teil der spirituellen Szene scheint zu denken, dass es der ersehnten Erleuchtung auf die Sprünge hilft, sich schon mal so zu verhalten, wie man sich Erleuchtete vorstellt … Es entsteht eine Falschheit, die meiner Meinung nach das Gegenteil von Erleuchtung ist.

    Wer nicht radikal sich selbst (und die Welt) annimmt, wird immer an der Oberfläche bleiben müssen – weil er an der Oberfläche kämpft.

    Dazu hab ich gerade ein Zitat von C.G. Jung gefunden (wer weiß, ob das stimmt, aber es passt): „Man wird nicht erleuchtet, indem man sich Figuren des Lichts vorstellt, sondern indem man sich der Dunkelheit bewusst wird.“ Die Erleuchtung wartet dort, wo es am Dunkelsten ist – viele Wahrheiten scheinen mir so paradox zu sein.

    • Lieber Gaius,
      „wie man sich Erleuchtete vorstellt“… Das trifft es genau. Man stellt es sich vor. D.h. jedoch nicht, dass es auch so ist.
      Es ist nicht nur die Falschheit, die mich abstösst. Es ist auch diese Unreife, das sich-in-Wonne-Waber-Kleider-Hüllen und leere-Worte-Blasen. Wobei das auf der Falschheit gründet. Du hast es also auf den Punkt gebracht.

      Es gibt da irgend so ein Sprichwort… In etwa: „Will man auf den Gipfel, so muss man durch die Erde auf den Berg.“
      Sorry, ich erinnere mich nicht mehr an den Wortlaut. Bin zu lange weg.
      Sinnmässig, den Gipfel erreicht man nicht durch Fliegen, man muss schon gehen und klettern und schwitzen und seine Blasen an den Füssen pflegen…

      Ich habe oft den Eindruck, dass sich Menschen zieren, wenn es darum geht, ihr Leben nun auch wirklich zu leben, zu erfahren.
      Und ich gebe zu, ich begreife es nicht. (Das ist mehr als milde ausgedrückt…)

      „Radikal sich selbst und die Welt annehmen…“
      Das ist schön gesagt.
      Ja.
      Radikal muss man sein.
      Nicht halbwahr.
      Halbwahrheiten explodieren irgendwann. Und das ist gut so.

      Vielleicht ist es das, was mich fassungslos macht. Menschen ziehen es vor, halbwahr zu leben und sich in ihren Illusionen zu wiegen.
      Und sind gleichzeitig laut Personalausweis schon lange erwachsen… Noch schlimmer, sie verwechseln das ganze innere-Kind-Thema mit kindisch sein.

      Ich mag das Zitat von Jung sehr. Und ich glaube an seine Richtigkeit. Licht entsteht nur, wenn Dunkelheit da ist. Am hellichten Tag sieht man ein angezündetes Licht nicht.
      Es ist so glasklar, dem ist nichts hinzu zu fügen.

      So glasklar und doch so unverstanden…

      Danke für deine Gedanken.

      Ich habe den Eindruck, in Deutschland ist diese Mode noch viel ausgeprägter als beispielsweise hier in Frankreich. Jedenfalls stolpere ich hier viel weniger über solche Haltungen. Ich habe noch nicht begriffen, warum dies so ist. Ich beobachte, werde mich weiterhin damit auseinander setzen. Und darüber schreiben.
      Mal sehen.

      Wie immer bin ich erfreut über deine Denkanstösse.
      Sei von Herzen gegrüsst,

      mirjana

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