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die andere welt

„Wie? Du gehst nicht auf Menschen zu? Du?“
So fragt mich gestern meine langjährige Freundin ungläubig.
Ja, ich tue es nicht. Seit Jahren nicht mehr.

Ich weise sie nicht ab. Und ich bleibe ihnen gegenüber offen, auch im Herzen. Doch ich gehe nicht mehr auf sie zu. Schon lange nicht mehr.

Ich war müde.
Oder einfach nur fremd?
Ich weiss es nicht.
Bestimmt beides irgendwie.

2010 verliess ich Paris.
Ja, ich verliess Paris. Wie einen ausgelutschten Liebhaber. Wenn alles, was uns je verbunden hat, welk wird.
Mit Paris verliess ich auch das „Miljöh“.
Nicht die Strassenhuren, nein, doch im Grunde dasselbe. Ich verliess das Theatermiljöh. Eine Welt, die nur seinesgleichen achtet. Die offen tut und es doch nicht ist.
Mir war die Welt zu abgespalten. Ich wollte Brücke, suchte Verbindung.

Vielleicht ist das normal. Ich komme weder aus dem Bildungsbürgertum noch aus einer Artistenfamilie. Ich fiel durch meinen eigenen Weg komplett aus dem Rahmen meiner Herkunft. Dass ich überhaupt zum Theater kam, lag in erster Linie daran, dass ich aus meiner Realität zu flüchten suchte. Dass ich es mir als Kind schon ausmalte, woanders ein anderes Leben zu leben. Dass ich in meinem Kopf in Gesang und Musik und vor allem in glückseliger Leichtigkeit lebte, um mich nur irgendwie aus dem mich umgebenden Alltag auszukapseln.

Ich kannte diese andere Welt aber nicht. Und ich habe mich ihr nie zugehörig gefühlt.

Ich habe mich nie als Künstler betrachtet.
Und noch heute habe ich Mühe mit diesem Wort.
Ich nannte mich Handwerker.
„Artisan“.
Für mich war und ist Theater ein Handwerk.
Für mich war und ist kreative Arbeit etwas durch und durch Bodenständiges.
Das ist so konkret wie nur wenig Anderes auf der Welt. Es ist ein Ausdruck von Wahrheit mit den Mitteln der Fantasie. Doch es muss im Ursprung immer der Ausdruck von Wahrheit sein. Und nicht von einer Idee. Nur die Idee, das reicht mir nicht.

Und so kam ich nicht zurecht im Miljöh. Zuviel Schall und Rauch.
Ich ging.

Ich landete im anderen Leben. Dem Leben ausserhalb der künstlerischen Laufbahn.
Fffff…
Was soll ich sagen?
Ich kam vom Regen in die Traufe. Es war der gleiche Scheiss in gelb.

Machtspiele.
Hinterfotzigkeit.
Fassadenglanz.
Aussen hui und innen pfui… Wie man so schön sagt.

Nach zwei Jahren hatte ich genug.
Menschen? Nein danke.

Ich war menschenmüde. Und zwar sehr.
Mein Privatleben ist geschützt. In meinem inneren Kreis sind lediglich Menschen, die einfach Mensch sein können. Normal eben. Ohne den ganzen Firlefanz, den viele brauchen, um überhaupt irgendjemand zu sein.

Doch arbeiten muss ich auch.
Und so ging ich einen für mich konsequenten Schritt. Da ich den Menschen nicht verzeihen konnte, ein gut funktionierendes Hirn zu haben, das sie beharrlich selbst boykottierten, entschied ich mich für eine Arbeit mit Menschen, die aus pathologischen Gründen anders waren.

Ich verbrachte drei Jahre mit Menschen, die in schwerem Autismus eingekapselt sind.

Was bedeutet das?
Viele denken bei Autismus umgehend an Asperger, an die Wissenden, die, die eine besondere Gabe haben, die sie bis zur Perfektion zum Ausdruck bringen.

Nein. Das war es nicht.
Ich arbeitete mit Menschen, die nicht wortfähig sind.
Mit Menschen, die in unseren gesellschaftlichen Strukturen keinerlei Platz finden.
Mit Menschen, die einen einfachen normalen Alltag nicht selbst regeln können.
Mit Menschen, für die Verstellung ein Fremdwort ist.

Ich lernte Direktheit.
Nicht diese, die ich selbst in mir trage.
Sondern jene, der man als Gegenüber ausgeliefert ist.

Direktheit, der man nicht mit einem strengen Wort oder eine humorvollen Schlaufe entgegen treten kann.
Direktheit, die sich konkret und handfest äussert.

Du kotzt mich an?
Also kotze ich dir vor die Füsse.

Da scheiss ich drauf?
Also schmiere ich meine Kacke an die Wand.

Das passt mir nicht?
Also schreie ich und schlage um mich.

Kein Rumeiern.
Keine Ausflüchte.
Keine Gesellschaftskonventionen.
Mensch im Urzustand.
Emotion pur und ungefiltert.
Hinterfotzigkeit ade.

Anfangs, in den ersten Gruppenrunden, hielt ich mich mit beiden Händen an meinem Stuhl fest. Soviel emotionale Kraft als Direktschuss konnte ich kaum aushalten. Ich dachte, es fegt mich weg.

Wieder war ich mitten in einer anderen Welt.

Es machte für mich keinen Sinn, diese Menschen in meine Verhaltensvorstellungen zu zwingen. Ich  beobachtete sie. Und suchte Wege, mich ihrer Welt anzunähern.

Diese Jahre haben mich geprägt.
Und mich mit der Gesellschaft soweit ausgesöhnt, dass ich mich wieder mit „normalen“ Menschen abgeben kann.
Die Begegnung und Auseinandersetzung mit diesen so andersartigen Menschen hat mich besänftigt. Ich bin nur gegangen, weil mein Weg ein anderer ist. Das weiss ich. Sonst wäre ich geblieben.

Ich soll mit Menschen arbeiten.

Ich weiss das. Seit Jahren.
Ich wollte aber nicht.
Bitte nicht. Bitte nicht diese Menschen da draussen, die ich nicht zu nehmen weiss.
Und die ich nicht ertrage.

Manchmal weiss man Dinge sehr genau und sträubt sich.
Ich kann so sein.
Ich kann mich sträuben.
Wie eine angepisste Katze fahre ich dann meine Krallen aus und stelle mein Fell in die Luft.
Ich buckle mich. Werde störrisch.
Oder ich flüchte. Auch das kann ich gut.
Dann dreh ich erst mal eine Runde und mach etwas ganz Anderes.
Menschen, nein danke.

Und so ging ich zum Holz.
Holz ist gut.
Holz redet nicht.
Holz ist.

Die Auseinandersetzung mit der Materie, das Eintauchen in die Welt des schöpferischen Bauens, die Konfrontation mit dem realen Handwerk, mit meiner Hände Arbeit, das war ein Schlüsselerlebnis.

Ich blühte auf.
Mir war bis dahin nicht klar, dass ich mein Leben damit verbracht hatte, ausschliesslich mit Menschen zu arbeiten.
Ich habe immer nur mit Menschen gearbeitet.
Diesmal aber stand ich keinem Menschen gegenüber, sondern einem Stück Holz. Einem mächtigen, in Scheiben gesägten Baumstamm. Jahrelangem Wachstum, dem ich mich nun mit meinen Händen annehmen durfte, um etwas daraus zu erschaffen.

Mit der Materie zu arbeiten, ist ein Zwiegespräch mit sich selbst.

Es wundert mich nicht, dass manch ein Handwerker schrullig wirken kann. Oder schrullig wird.
Die Materie formt uns. Ob wir es wollen oder nicht. Sie dringt in uns ein.

Ich weiss heute nicht, wer wen schnitzt.
Ich das Holz oder das Holz mich.

Nur darf ich die Menschen nicht vergessen.
Sie haben mich gezähmt. Mich, die Wilde.
Mich, die nicht mehr auf Menschen zugeht von sich aus.
Mich, die sich gerne irgendwo hinterm Berg vergräbt.
Weit ab von allem.
Und jedem.

Menschenarbeit…

Wenn ich Worte wie Berufung höre, muss ich innerlich kotzen.
Ich kann mit dieser Art von Worten nicht.
Mission, Vision, Sinnsuche…
Alles zieht sich in mir zusammen.

Ich lebe in einer anderen Welt.
Ich lebe.
Die grösste Herausforderung, die mir das Leben gestellt hat, ist diese:
Zu leben und trotzdem Mensch zu bleiben.

Das klingt so banal.
Und das ist es auch.
So dachte ich jedenfalls bis vor wenigen Wochen.
So dachte ich, ehe ich zu meiner diesjährigen Sommerreise aufbrach.
Zurück ins Land meiner Kindheit.
Hinein in die Sprache meiner Jugend.
Und im Kontakt mit lauter Menschen aus Welten, in die ich von selbst freiwillig eigentlich keinen Fuss setze.

Und hier begriff ich.
Hier in der anderen Welt.

Klar lernen wir auch da, wo wir verstanden werden.
Da, wo wir uns wieder erkennen.
Da, wo wir uns zuhause fühlen.
Klar.

Doch da ist es viel einfacher.
Da reiben wir uns nicht an anderen Wertvorstellungen.
An fremden Sichtweisen.
An fernen Lebenskonzepten.

Diesmal begriff ich, wie selektiv und abgrenzend ich selbst doch bin.
Wie intolerant.
Wie verschlossen.

Nicht weil ich den Menschen so gegenüber trete. Nein. Ich stelle mich ihnen mit offenem Ohr und Herzen. Jedem einzelnen.

Mir wurde klar, dass ich den Kontakt nicht suche zu dieser anderen Welt.
Ich schreibe über den Störenfried, der ich sein kann und merke nicht, dass auch ich mich nicht gerne stören lasse von der so anderen Welt da draussen.
Ich mache genau dasselbe wie die Menschen, die irritiert auf mich und meine Lebensform reagieren. Ich grenze sie aus.

Nur von mir ist das weitaus schlimmer. Denn ich habe den Ansatz der gelebten Toleranz und Offenheit und lasse ihn verlauten. Und ich handle auch danach, in einem gewissen Rahmen.
Jeder soll leben, wie er mag.
Es berührt mich nicht.
Ich komme nicht auf die Idee, das Lebenskonzept eines anderen Menschen anzuzweifeln oder abzuwerten. Solange ich selbst nicht davon betroffen bin, ist alles gut für mich.

Ja, solange ich selbst nicht davon betroffen bin…

Geh aus meiner Sonne, Mensch.
Und verstell mir nicht die Sicht.

Wir leben oftmals so.
Drücken dies vielleicht anders aus.
Es gehört zu einer klaren Haltung.

Offen tun.
Und es doch nicht sein.
So schrieb ich weiter oben.

Nur…
Es waren genau diese Menschen, die ich sonst nicht um mich habe, die ich nicht auswähle, die ich nicht spontan verstehe, es waren diese so anderen Menschen, von denen ich auf meiner Reise am meisten gelernt habe.
Die Auseinandersetzung mit diesen so anderen Menschen, die wirkliche Auseinandersetzung auch mit gemeinsamer Zeit, die hat mir meinen Weg gezeigt.
Dank der so anderen Menschen habe ich überhaupt verstanden, wer ich bin.
Dank der so anderen Menschen habe ich erst begriffen, warum ich mit anderen Menschen arbeiten soll.

Es ist die andere Welt, die uns die Tore öffnet.
Immer.

In unserer eigenen Welt brauchen wir keine Tore. Wir sitzen gemütlich am Feuer im Innenhof und räkeln uns in der wohligen Wärme. Ich ganz vorne mit dabei.

Ich ging nicht mehr auf Menschen zu.
Ich bin vor Menschen geflüchtet.
Jetzt ändert sich mein Leben wieder.
Jetzt wird es Zeit für mich.
Ich muss auf Menschen zugehen.
Denn da liegt mein Job vergraben.
Da. Bei den Menschen.
Und besonders bei den so ganz anderen Menschen.
Denn so wie ich von ihnen lerne, so können sie von mir lernen.
Das Andere lernen.

Darum geht es doch im Leben, oder?
Das zu lernen, was wir nicht schon können.
Das Andere lernen.
Das Fremde.
Voneinander.

Diese Reise war meine Reise auf die Menschen zu.
Fertig ist sie noch nicht.
Wahrscheinlich ist sie sogar nur der Anfang meiner ganz grossen persönlichen Reise.
Möglich.
Das hat aber gar keine Wichtigkeit.
Wichtig ist nur, zu reisen.
Dorthin zu gehen, wo man sich nicht auskennt.
Und wenn es nur bei uns um die Ecke ist.
Es gibt immer einen Ort, der uns anders erscheint als das, was wir schon kennen.

Und den gilt es, zu finden.

 

2 Comments

  1. Brigitte Brigitte

    Liebe Mirjana,

    einzig mit Martin Buber möchte ich auf deinen so spannenden Artikel antworten:

    Der Mensch wird am Du zum Ich.
    Alles wirkliche Leben ist Begegnung.

    Herzliche Grüße
    Brigitte

    • Ja, liebe Brigitte, ich stimme dir bei.
      Ich war schon immer überzeugt davon, dass der Mensch den Anderstmenschen braucht, um sich selbst zu werden. Und doch bin ich auch froh um meine Rückzugsjahre. Sie waren wie eine Reifezeit.
      Ich glaube, beides ist wichtig. Gleich wichtig.
      Mit sich selbst sein können und erfüllt von sich sein.
      Und mit dem Anderen sein können und sich durch ihn neu entdecken.

      Ich grüsse dich,
      mirjana

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