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dammbruch

Es sprudelt gerade regelrecht bei dir.
So schrieb mir diese Tage ein Mensch.

Ja, es sprudelt.

Ich denke an meinen Internet-Auftritt und daran, was Menschen von mir wahrnehmen.
Auch wenn ich Wert darauf lege, durchsichtig zu sein, so ist mir klar, dass immer wieder Realitäten verloren gehen. Dass nicht jeder immer alles liest und weiss.

Und dann gibt es noch so viel Ungesagtes, so viele Details, die aber alle wichtig sind, um das Gesamtbild zu begreifen, nicht wahr?

So sagte mir meine liebe Freundin vor einigen Tagen:
Das war mir bisher gar nicht klar. Ich kannte zwar all diese Details aus deinem Leben, habe sie aber noch nie in dieser Form zusammengesetzt und so verstehe ich jetzt erst die Tragweite dessen, was du gerade lebst.

Was ich erlebe ist ein Dammbruch.

Ich zitiere wikipedia:

Bei einem Dammbruch oder Deichbruch wird ein Damm beziehungsweise ein Deich durch Wasser oder Schlammmassen (etwa bei Sedimentationsanlagen) beschädigt oder zerstört. Charakteristisch ist, dass eine kleine undichte Stelle sich rasant vergrößert, immer mehr Wasser oder Schlamm über den Damm oder Deich strömt und ihn weiter zerstört. Dabei kommt es zu einer Kettenreaktion.

Und weiter unten:

Dammbruch wird auch gerne metaphorisch benutzt. Angenommen, etwas lange strikt Eingehaltenes wird ein einziges Mal nicht befolgt. Man stellt sich nun vor, diese eine Verletzung würde viele weitere Verletzungen nach sich ziehen, als wäre ein kleines Stück Damm gebrochen, wodurch der gesamte Damm vernichtet wird.

Nun, wie definiere ich in diesem Fall Verletzung?

Ich fühle mich heute nicht verletzt. Im Gegenteil.
Doch bleiben wir bei diesem Bild der Verletzung. Der Verletzung einer Regel vielleicht.
Des Bruchs mit einem gegebenen System, und ich meine jetzt nicht einmal ein Gesellschaftssystem, nein.
Es gibt so viele Systeme und meistens, wenn ich an Systeme denke und über sie schreibe, sind es all diese kleinen Systeme, in denen wir stecken.

Manchmal einfach nur ein Denksystem.
Oder ein Familiensystem.
Ein Schul- oder Gruppensystem.
Es ist im Grunde egal.

Wichtig ist nur, dass wir das im Auge behalten. Dass wir die Kleinheit des Systems, die Nahheit oder Nahbarkeit besehen. Ich weiss nicht das rechte Wort. Die Berührbarkeit. Und unsere Berührbarkeit dabei.
Denn wenn wir von grossen Dingen sprechen, wie dem Gesellschaftssytem, dann ist es so einfach, sich nicht betroffen zu fühlen. Wir können uns so leicht ausklipsen.

Und so geht all das verloren, was wir beim Durchdenken des Dammbruchs wirklich lernen können.

Ich sprudele, das stimmt. Ich laufe sogar über.
Es gibt Momente, in denen ich mir klar sagen muss:

Bleib ruhig, akzeptiere, es ist eben gerade alles offen, alles, was du all die Jahre in dir gehalten hast, bricht jetzt durch. Es ist nachvollziehbar, dass es überläuft. Es muss ja irgendwo hin. Lass es geschehen. 
Es ist die Kontra-Bewegung zu all den Jahren Zurückhaltung. 
Dein Damm bricht.

Erst dieser Dammbruch macht mich hier wirklich und als Ganzes sichtbar.

Zuvor waren überall kleine Sprünge im System.
Und ich glaube mein eigenes und ganz persönliches System ist das der Zurückhaltung, der Anpassung und der Verstummung.

Und wieder ist es wichtig, keine Vergleiche anzustellen wie:
Ja, aber Mirjana ist doch so eine wilde und unbezähmbare Frau, die traut sich doch, die ist doch nicht stumm. Die weiss doch gar nicht, was das ist. Ich bin zurückhaltend und verstummt, und das ist unvergleichbar.

Solche Gedanken machen keinen Sinn. Denn wieder bleiben wir damit in unserem eigenen Denksystem hängen und entwischen der zu findenden Quintessenz beim suchenden Stöbern nach Vergleichbarkeit.

Wir können eh nie nichts vergleichen.
Jedenfalls keine Leben.
Wir können sie nur als Metapher nehmen.
Und lernen.

So will ich Metapher sein.

Viele der Dinge, die heute aus mir herausbrechen, existieren seit vielen Jahren.
Das Schreinern habe ich erst vergangenes Jahr gelernt, doch da war ich bereits in meiner Dammbewegung. Es wurde brüchig in mir. Überall.

Das Schreiben an sich, sowie gewisse Texte, sind aber schon seit Jahrzehnten da.
Ebenso wie das Theater.
Oder meine Stimme in all ihren Formen.

Alles war da, aber nicht so gelebt, wie ich es gerne gelebt hätte.

Ich habe immer wieder versucht, das auszudrücken, was in mir ist.
Immer wieder.
Doch ich wurde jedesmal mit etwas konfrontiert, was mich wieder verstummen liess.

Die Verstummung darf auch hier wieder als Metapher gelesen werden.

Manchmal wurde ich konkret stumm.
Manchmal entschied ich mich für ein Lebensmodell, das keinen Raum liess für meinen Ausdruck.
Den Ausdruck meiner Kunst oder genauso den Ausdruck meiner Gedanken, meiner Träume, meiner Gefühle.

Es ist egal, um was es in der Materie geht.
Jedesmal ist es der Ausdruck unseres Selbst.

Wenn der Damm bricht, dann ist es erst gewaltig. Später legt es sich, das Wasser fliesst dann in seinem Rhythmus. Es sprudelt nicht mehr so. Das Überlaufen ist zu Ende.

Ich erlebe momentan dieses Gewaltige.

Dadurch, dass ich meinen Van ausbaue, also konkret umsetze, worauf ich seit gut vier Jahren zusteuere.
Dadurch, dass ich male, was ich 30 lange Lebensjahre in mir zurückgehalten habe, weil ich mir nicht zutraute, einen Pinselstrich zu tun, der womöglich auch noch etwas ausdrückte.
Dadurch, dass ich auf deutsch schreibe, endlich meine Theatertexte ins Deutsche übersetze, was schon vor 20 Jahren mein Ziel war, mein Wunsch, mein Brennen in mir. Diese Liebe zur deutschen Sprache. Und gleichzeitig galt es, all meine Komplexe zu überwinden, weil ich diese Sprache nie so beherrscht habe, wie manch anderer Mensch.

Ich denke zurück an einen Jugendfreund, der heute Professor Doktor sowieso ist für deutsch-französische Literatur. Er hat mir in der Schule viele Fremdwörter erklärt und ich fühlte mich oftmals dumm an seiner Seite.
In meinem Elternhaus wurde nur gebrochen Deutsch geredet. Fremdwörter existierten nicht.
Und so empfand ich mich als minderwertig und wurde auch oft belächelt für mein einfaches glanzloses Deutsch.
Basisdeutsch.
Migrantensprache.

Nach 20 Jahren Alltagsleben in der französischen Sprache war das noch schlimmer.
Meine Sprache hat sich nie wirklich weiterentwickelt. Mir fehlen oft Worte.
Und ich dachte lange, jetzt sei es eh erledigt, ich habe mich bis in die letzte meiner Zellen sabotiert. Auf deutsch schreiben kann ich vergessen.

Irgendwann begriff ich, dass genau hier meine Kraft liegt.

Hier in diesem Zwischenraum.
Hier in meiner Welt der einfachen Worte.
Hier im Ergründen von Sinn und Inhalt.

All das blieb aber lange verborgen hinter meinem Damm.

Was heute sichtbar wird, ist der Dammbruch.

Wir dürfen nicht vergessen, dass vor dem Dammbruch die Anstauung kommt.
Die Anstauung von so unendlich viel.
Von Frustration.
Von Wunsch.
Von Angst.

Jeder hat seine eigene Liste.

Ich möchte das hier schreiben, weil mir die Nahbarkeit wichtig ist.
Ich möchte zeigen, dass der Dammbruch bei jedem Menschen stattfinden kann.
Wenn wir spüren, dass es bröselt, dass es bricht in unserer Fassade der Zurückhaltung, wenn wir spüren, dass plötzlich etwas entwischt und durchbricht, ganz überraschend, unvorhergesehen… Dann kündigt sich ein Dammbruch an.

Es liegt dann an uns, ob wir den Riss gleich wieder stopfen.

Ich habe das lange Jahre praktiziert.
So lange Jahre.
Viel zu lange.

Und weil ich es so lange praktiziert habe, ist mein Dammbruch heute so gewaltig.

Ich verstehe das Zurückhalten und Sabotieren so gut.
So – so – gut.
Ich verstehe die Angst, die uns lähmt oder diese, die uns hurtig antreibt, alle Systemlöcher gleich wieder zu stopfen.
Ich kann den Fluchtwunsch vor der Konfrontation mit unserer eigenen Grösse nachvollziehen.

Denn ja, ich habe das auch gelebt.
Ganz und gar.
Immer wieder.

Und ich kann nur ermutigen.
Auffordern.
Einladen.

Immer wieder.

Der Dammbruch macht auch Angst. Ich will da nichts vormachen.
Es macht Angst, sich dem auszusetzen, was wir sind.
Ganz und gar.
Immer wieder.

Doch es lohnt sich.
Dessen bin ich mir sicher.

Nach diesem gewaltigen Durchbruch wird auch wieder Ruhe einkehren.
Ich werde nicht ertrinken, sondern mitgleiten.
Ich werde in meiner Strömung schwimmen können.

Es ist der Wagemut.
Vielleicht besprenkelt mit etwas Kühnheit.
Und gewiss auch durchzogen von einer Spur Dreistigkeit.

Ja.
Doch wozu zurückhalten, was in der Natur eh frei fliessen würde?

Ich wünsche dir das Zulassen der Aufbrechens.
Das Zulassen des Durchbrechens.
Und das Geniessen des Fortgeschwemmtwerden.

Denn ein Dammbruch ist in jedem Fall lebenswert.

 

 

 

 

 

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