Zum Inhalt springen

baustellen

Seit 9 Tagen bin ich nun in Deutschland.
Ich habe vorab wenig feste Termine ausgemacht. Ich kam dieses Mal mit viel Freiraum, mit Zeit.

Und wie es so ist, wenn man mit Freiraum reist, oder einfach nur lebt (ist doch jeder Tag unseres Lebens eine Reise zu uns und mit uns), dann geschieht auch Unvorhergesehenes.

Mein erstes Zusammenstossen mit Deutschland war voller Stress für mich.
Nach einem wunderschönen idyllischen Reisetag durch die französische Landschaft, überschritt ich vergangenen Sonntag die Grenze.

Ja, da war eine Grenze.
Ich war überrascht.
Sind wir nicht Europa?
In den vergangenen Jahren waren da keine Grenzen mehr.

Es war keine Grenze wir früher.
Doch die Strasse wurde verengt, die Autos fuhren Schritttempo und neben der Fahrspur auf einem Parkplatz stand ein Polizeiauto mit zwei Beamten darin.
Willkommen in Deutschland.

Nach dieser Überschreitung änderte sich alles schlagartig.

Vorbei mit der Gemütlichkeit.
Plötzlich rasten die Autos in einem Affentempo an mir vorbei.
Ich fuhr von einem Stau in den nächsten, durch eine autoüberschwemmte Landschaft.

Raser, Stau, Baustelle, Stau, Baustelle, Stau, Ungeduld, Huperei, Auffahren, Aggression, Schnelligkeit, Autos-Autos-Autos…

Nach drei Stunden war ich fertig mit meinen Nerven. Ich fuhr von der Autobahn ab. Am Kreisverkehr musste ich zwei Runden drehen, um alle Schilder wahrzunehmen, mein Navy und ich hatten Streit und bei alledem sprang eine Klappe in meinem Van auf, die ich wohl nach der Mittagspause nicht richtig verriegelt hatte.

Rums!

Ich stellte mich in einen Waldweg und mich dann auch meiner Misere.
Eine Flasche Olivenöl und noch so manches flüssige ölige Zeugs schwamm scherbenreich im Van.
Dann war gut.

Ich fluchte, ich putzte und ich weinte.
Ich wollte wieder zurück, nach Hause.
Ich war verabredet und ohne den guten Zuspruch dieses Menschen wäre ich nicht weiter gefahren.

Ich wusste, dass mich diesmal viel erwartet.
Ich war auch bereit dazu.
Doch musste es unbedingt so schnell auch in der materiellen Wirklichkeit sichtbar werden?

Was nochmal war das Thema meiner Reise?
Wandlung.

Ich wusste, wer losfuhr, ich weiss nicht, wer einen Monat später wieder zuhause ankommt.
Heute ist ein Drittel meiner Reisezeit zu Ende.
Heute weiss ich nicht einmal mehr, wo mein Zuhause ist.
Geschweige denn, wer ich bin.

Deutschland und ich sind aneinander gerasselt.

Mein Bezug zu Deutschland ist nicht einfach. Schon lange nicht mehr. Vielleicht war es das noch nie. Nicht umsonst bin ich mit 22 Jahren von hier ausgebüchst.
Doch gleichgültig stehe ich diesem Land nicht gegenüber.

Es geht mir durch meine Glieder.
Es schüttelt mich.
Es dreht mich um die eigene Achse.

Das letzte Mal war ich hier in Deutschland, als ich meinen Vater zu Grabe trug.
Das war im Mai 2015.
(hier)

Seit ich Deutschland verliess, habe ich mir nie soviel Zeit genommen, wie jetzt. Einen Monat Zeit.

Man braucht Zeit, damit die Dinge geschehen.
Das ist eine meiner Erkenntnisse dieser Reise.
Man muss sich auf die Zeit einlassen.

Es geht mir gut mit den Menschen, die ich bisher traf.
Ich habe meinen menschlichen Rahmen so eingegrenzt, dass ich mich wohl fühle in den Begegnungen. Das ist mir wichtig.

Nach den zehn Monaten intensiver Ausbildungszeit im Atelier mit 20 Menschen, die ich mir nicht ausgesucht habe, und die ich tagtäglich in einem gemeinsamen geschlossenen Raum erlebte, brauche ich eine präzise Wahl.

Ich wusste nicht, ob ich es überhaupt aushalten würde, mit Menschen zusammen zu sein.
Ich brauchte Ruhe.

Ruhe…
Ich habe alles, ausser Ruhe.

Jetzt widerspreche ich mir selbst.
Es ist doch die Reise meiner Wandlung.
Gehen Wandlung und Ruhe Hand in Hand?
Ich weiss es nicht.

Ich wusste, dass ich einem Sturm entgegenfahre.
Ich bin mitten in diesem Sturm.
Wie komme ich also auf die Idee, zu sagen, ich bräuchte Ruhe?

Ich fragte mich, ob ich auch zu meiner Familie fahren würde.
Ich wollte es nicht aus Verpflichtung tun. Nur, wenn ich es wirklich spürte.
Und ich war schon auf dem besten Weg, diese Baustelle meines Lebens zu umgehen.

Dann hatte ich einen Unfall und zerschmetterte einen Rückspiegel am Van.
Ich war völlig überfordert.
Im Grunde ist es nichts Weltbewegendes. Ich weiss.
Doch in mir tobte bereits ein solch grosser Sturm, dass dieser Rückspiegel mich meine Fassung kostete.

Ich wusste mir nicht weiter zu helfen und fuhr also zu meinem Bruder.
Dort erfuhr ich, dass meine Mutter Anfang Juni eine Hirnblutung hatte.
Sie wäre fast gestorben.
Seither ist sie im Krankenhaus oder wie jetzt gerade, in der ReHa.

Kommunikation ist keine Stärke in meiner Familie.
Das erklärt vielleicht, warum ich mich so ausgiebig damit beschäftige.
Verbindung und Begegnung sind ebenso wenig eine Stärke.
Und mein Lebenszentrum.

Wenn es keine Worte gibt, dann muss man mit all dem anderen Vorlieb nehmen.
Ich habe es schon als Kind gelernt, zu wittern.

Nur kämpfte ich damals viel zu sehr mit mir selbst. Versuchte als Mensch in einem Klima zu überleben, in dem ich eigentlich nur sterben wollte.

Ich gehe meiner Familie gekonnt aus dem Weg.
Schon lange.
Es kostet mich viel Kraft, mich zu konfrontieren.
Begegnung braucht Zeit.
Und die nahm ich mir nicht.
Ich kam « en coup de vent », wie man so schön auf frz sagt, wie ein Windstoss, und genauso schnell war ich wieder weg.

Und diesmal…?
Ich würde gerne sehr viel länger bleiben.
Denn langsam öffnet sich etwas. Langsam. Und schön.
Und ich habe noch lange nicht alle Beteiligten meiner Familie gesehen.

Komische Bezeichnung. Alle Beteiligten. Nicht wahr?

Es war das erste Wort, das mir spontan in den Sinn kam, und auch wenn es nicht das korrekt deutsche Wort in diesem Zusammenhang ist, so ist es doch das richtige für mich. Also nehme ich es hin. Und schreibe es. Die Beteiligten…

Sind wir das nicht?
Die Beteiligten eines Familienspiels?
Die Beteiligten einer Geschichte?
Die Darsteller?

Seit ich hier in Deutschland bin, bin ich mit viel Leid konfrontiert.
Ich schaue mir die Menschen an und ihre Verschlossenheit.
Ich höre all die Worte, die durch den Raum geblasen werden, um…
Um was zu tun?
Keine Ahnung.

Es ist völlig egal, wo ich bin.
Es ist egal, ob ich die Menschen kenne oder nicht.
Vielleicht ist das meine Gabe.
Oder meine Last.
Ich nehme sie wahr.

Ich fühle mich wie eine Ausserirdische.
Und ich sehe, dass ich auch als solche empfunden werde.

Ich verstehe durch diese Reise, warum mich Menschen gerne lesen.
Ich verstehe durch diese Reise, dass hier mein Arbeitsfeld ist.
Hier, im deutschsprachigen Raum.

Nicht mehr nur, da ich selbst meinen Bezug zur deutschen Sprache wieder leben möchte.
Sondern auch, weil ich etwas in mir trage, was hier fehlt.
Was den Menschen fehlt.
Oder was vielen Menschen hier fehlt.

Wenn man zwischen den Sprachen lebt, dann lernt man, über das Wort hinaus zu hören.

Wenn man, wie ich, in einer Fassadenwelt gross geworden ist, dann lernt man, hinter die Worte zu schauen.
Wenn man beginnt, zuzuhören, dann kommt man irgendwann unweigerlich an den Punkt, das Gehörte zu hinterfragen.
Besonders wenn das Wort losgelöst vom restlichen Menschen im Raum schwebt.

Wo bist du, Mensch?

Muss ich jetzt sagen, dass ich meinem Rückspiegel dankbar bin?
Auch wenn mein Geldbeutel diesbezüglich jammert.
Muss ich sagen, dass ich auch der Krankheit meiner Mutter dankbar bin?
Klingt das nicht bösartig?
Ich bin es aber.
Ich schlittere von einer Baustelle zur nächsten, konkret wie übertragen, und das ist wohl richtig so.

Wandlung ist Baustelleninspektion.
Oder?

Ich denke an meinen halbfertigen Sekretär, der in Frankreich auf mich wartet. Auch eine Baustelle.
Wie weit entfernt ist das alles hier gerade von mir.
Manchmal schaue ich mir die Fotos meiner Möbel an und denke « oh… habe ich das gebaut? Ich? »

Ich bekomme all diese Eindrücke und Erinnerungen kaum unter einen gemeinsamen Hut.
Wer bin ich heute?

Wer bin ich heute?
Ich weiss es nicht.

Ein Teil von mir ist so vehement und klar in sich angekommen, dass es mein komplettes derzeitiges Leben in Frage stellt.
Kennst du das?

Alle meine Pläne und Überzeugungen, all meine Klarheit ist dahin.
Zerschmettert.
Wie mein Rückspiegel.

Rums!

Den kann ich aber ersetzen.
Das kostet mich nur etwas Zeit und Geld.

Was ist aber mit meinem Leben?
Ein Leben kann man nicht ersetzen.

Frankreich ist mir heute sehr fremd.
Mein Leben dort erscheint mir, als sei es nicht mehr meines.

Ich kam auch nach Deutschland, weil ich hier ganz konkret eine Antwort auf eine Frage suchte, die ich in mir trug. Ich habe die Antwort bekommen. Klar und deutlich.

Der Preis dieser Antwort ist mein Chaos.

Ich möchte gar nicht näher auf diese Frage und Antwort eingehen. Meine ganz spezielle Frage hat hier im Grunde keine Wichtigkeit.

Was wichtig ist, ist die Frage in uns zu hören. Sie laut werden lassen. Uns auf die Suche nach der Antwort begeben. Auch wenn diese Antwort uns Angst macht.
Dann der Antwort lauschen.
Hören.

Darum geht es.
Ums Hören.

Wir hören nicht genug.
Nicht auf uns.
Nicht auf die Menschen um uns.
Nicht auf die Welt.

Nur deshalb ist es überall so laut.
Kennen wir das nicht von Kindern?

Nur die Kinder, die wir nicht hören, werden irgendwann so schrecklich laut, um sich Gehör zu verschaffen. Oder aber sie verstummen und schmettern uns ihre schreiende Stille entgegen.

Wir müssen hören lernen.

Nach einem meiner Besuche bei meiner Mutter in der ReHa fuhr ich über Land in ein Kloster der Region. Ich hatte diesen Ort als einen möglichen Seminarort für mich angedacht.

Richtig dort war ich aber noch nie zuvor. Ich stand vor vielen Jahren nur einmal davor.
Es ist das Kloster Schöntal.
Ein wunderbarer Ort.
Ich habe für Mai 2018 dort einen Kursraum und ein Gästehaus gemietet.
Ich werde dort lehren.
All die nötigen Informationen werden über mich laufen.

Auch das wurde mir klar in diesen Tagen.
Ich bin kein Stadtmensch, das war ich noch nie.
Die Stadt stresst mich. Man denke nur daran, dass ich 15 Jahre in Paris gelebt habe…
Ich spürte mich damals kaum mehr.

Ich werde meine Seminarorte sorgsam auswählen.

Ich möchte nicht in Grossstädten lehren, wo Menschen dann abends mit dem Aussenleben konfrontiert sind.

Ich möchte unsere gemeinsame Zeit schützen.
Ich möchte eine Blase bauen, die Loslassen ermöglicht.
Einen Raum bieten, damit Begegnung und Offenheit einfach stattfinden können.

Es ist schon schwer genug, dass der Mensch seine Hüllen fallen lässt. Wozu es ihm noch schwerer machen, indem ich ihn in die umgebende Ruhelosigkeit schicke?

Der Retzhof in der Steiermark.
Das Kloster Schöntal in Hohenlohe.
Ich werde weitere solche Orte suchen.
Wenn du einen solchen Ort der Ruhe und der Kreativität kennst, dann schreibe mir gerne. Ich bin dankbar für jede Hilfe.

Heute ist Dienstag.
Spätestens am Sonntag muss ich in Berlin sein.
Das erscheint mir heute nahezu unüberwindbar.
Doch das ist eine weitere Schlüsseletappe.

Dort werde ich an meiner Zukunft bauen. Und dabei bricht mir gerade meine Gegenwart weg.
Bisher dachte ich, dass wir die Gegenwart brauchen, um darauf unsere Zukunft zu konstruieren.
Doch bisher dachte ich Vieles, das sich heute als nicht mehr gültig erwiesen hat.

Wie schrieb ich hier in meiner Ode an eine Liebe?

Unwissenheit ist Quelle der Inspiration.
Unwissenheit ist Treibstoff der Neugier.
Unwissenheit ist ein Schlüssel zur Selbstaufdeckung.

Und so, lieber Mensche, gebe ich mich meiner Unwissenheit hin.
Mehr habe ich gerade nicht.

In Liebe,
mirjana

3 Kommentare

  1. Maria Maria

    ❤️

  2. Brigitte Brigitte

    Liebe Mirjana,
    du findest eine Nachricht von mir in Facebook bzw. Messenger.
    Liebe Grüße von Brigitte

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.