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angst

Manchmal habe ich Angst.

Dann könnte ich mich verfluchen, dass ich so bin, wie ich bin.
Dann wünsche ich mir kurzzeitig einfach nur ein ganz normales unaufmüpfiges Leben.
Etwas, das durch mich durchgleitet und durch das ich gleiten kann.
Etwas alltäglich Einfaches.

Manchmal habe ich Angst.

Dann stelle ich mir dieses andere Leben vor, die vermeintliche Ruhe, die ich dann wohl verspüren würde. Male mir den Stundentagesmonatsplan aus, den Jahresrahmen, das geregelte Dasein.
Spätestens dann weiss ich, dass ich weit mehr Angst hätte, solch ein Leben auch zu führen.
Nichtsdestotrotz…

Habe ich manchmal Angst.

Alles, was ich tue, geschieht aus meiner eigenen selbstbestimmten Entscheidung heraus.
Ich folge meinem Drang nach Ausdruck, nach Freiheit, nach Weite in mir.
Ich glaube an die Machbarkeit meiner Pläne und vor allem an das megageile Gefühl, das mich am Ende erwarten wird. Dann, wenn ich dort sein werde, all diese Zweifel hinter mir und durchstanden, dann, wenn ich wirklich weiss, dass ich es hinbekommen habe. Um Erfahrungen reicher. Gewiss auch mit ein paar grauen Haaren mehr. Dieses Gefühl, ich kann es schon riechen. Als müsste ich nur die Hand nach ihm strecken. Doch meine Hände bleiben unbeweglich um meinen Bauch geschlungen, denn…

Manchmal habe ich Angst.

Dann denke ich, du verrücktes Huhn, du mit deiner steten Selbstverwirklichung, mit deiner Suche nach Übereinstimmung mit dir selbst, du mit deinen Überzeugungen, deiner sturen Konsequenz, die dich zwar immer wieder weitertreibt, gewiss, aber auch soviel Kraft kostet. Du mit all deinen Träumen, die gleich zwölf Menschenleben füllen könnten. Du mit deiner Begeisterung, die sich so krass entflammt, dass sie ein komplettes Dorf erhellen könnte. Oder einen Wald abbrennen. An den Wald denke ich immer eher dann…

Wenn ich Angst habe.

Dann ist mir alles zu gross. Vor allem ich selbst. Die Welt ist ja immer gleich. Nur ich, was bringt mich immer wieder dazu, weiter zu wollen? Zu wachsen? Zu erfahren? Auszuprobieren? Ich als mein ganz persönliches Lebensexperiment. Ich als meine grösste Herausforderung. Andere Menschen brauchen das doch auch nicht. Andere können doch auch ganz einfach nur…
Nur was?

Immerhin erkenne ich sie inzwischen, meine Angst.

Früher war das nicht so. Das muss man sich mal vorstellen. Ich wusste nicht, was Angst ist. Nicht, weil ich keine hatte. Nein, im Gegenteil. Ich konnte das Gefühl in mir nur nicht zuordnen. Konnte es nicht benennen. Mein Bezug zur Angst wurde früh gestört. In meinem Elternhaus herrschte so viel Gewalt, dass der kleine Mensch, der ich war, einfach die Angst abschaffte. Naja, Irrtum. Alles, was ich je versuchte abzuschaffen, bin ich nie losgeworden. Aber ich hatte es geschafft, das Verständnis der Angst von meinem Gefühl der Angst abzukoppeln. Schwupps. Einfach so. Durchschnitten und abgetrennt. Danach trug ich zwar noch immer dieses Gefühl in mir, allerdings hatte es keinen Namen mehr. Und wie alles, das wir nicht zu benennen wissen, rutschte meine Angst in einen identitätslosen und beherrschenden Raum.

Ich lernte, sie zu erkennen, meine Angst.

Das war ein Riesenstück Arbeit und ich erinnere mich noch genau, wie es mir wie Schuppen von den Augen fiel. Angst! Das ist es! Das, was ich da fühle, nennt man Angst! Plötzlich konnte ich jahrelange Knoten in meinen Eingeweiden beim Namen nennen. Wusste Schmerzen in meinem Körper einzuordnen. War nicht mehr vor Schreck gelähmt, wenn mir der Atem stockte. Denn jetzt wusste ich ja. Jetzt erkannte ich. Konnte sagen, schau, da ist sie schon wieder, die alte Freundin. Die, die du zeitweise jahrelang um dich hattest, ohne sie zu bemerken. Heute hat sie sich besonders hübsch gemacht. Hast sie fast nicht erkannt. Aber jajaa, sie ist es. Zweifelsohne.

Manche denken, ich sei furchtlos. Humbug.

Ich habe oft die Hosen gestrichen voll, wenn ich an mein Leben denke. Dann, wenn ich anfange in Begriffen zu denken, an die ich eigentlich nicht glaube. Begriffe wie Sicherheit. Stabilität. Familie. Naja, an Familie glaube ich wieder, seit ich selbst Kinder habe. Meine Kinderfamilie.
Ich versuche ihnen Fels in der Brandung zu sein. Dieser Lebensbrandung, die immer wieder wild schäumend um sich schlägt. Schaut, auch wenn man den Mund voll Wasser und Gischt hat, muss man nicht sterben. Nicht unbedingt. Später kommt dann wieder die Ruhe und wir geniessen die laue Sicht. Man weiss ja nie, wielange die Stille dauert.

Manchmal habe ich Angst.

Ja. Das kann ich nicht von mir weisen. Will ich auch nicht. Sie gehört zu mir, diese leise Begleiterin, die sich immer dann einen Weg in mir sucht, wenn ich selbst am zerbrechlichsten bin. Klar. Macht ja sonst auch keinen Spass. Versteh ich voll und ganz. Und ihren Spass, den soll sie haben. Das gönne ich ihr. Auch wenn ich dabei leide wie Sau. Doch das gehört zum Spiel. Das sind die Regeln. Die kennen wir ja. Haben sie beide einstimmig unterschrieben. Leise und kriechend darf sie sein. Nicht zu laut bitte, sonst könnte sie sich selbst erschrecken. Und wenn die Angst, Angst vor der Angst bekommt, dann wird es echt anstrengend.

Manchmal habe ich Angst. Ja. Auch ich.

Heute zum Beispiel. Gestern schon in Wirklichkeit. Oder schon eher? Naja, da sie leise kommt, weiss ich nie genau, seit wann sie schlussendlich da ist. Sie wartet immer still in einer Ecke, bis ich sie endlich wahrnehme. Dann winkt sie schelmisch. Und ich könnte kotzen. Habe ich doch gerade wahrlich keine Zeit für ihre Scherze. Mag ich meine Kraft nicht mit ihr vertun. Mag nur weiterkommen, irgendwie, mit meinem Bauprojekt, meinem Lebensplan, meinem Dach, meinem Ort, dem Ding da, das mich halten und beherbergen soll, all dem, was mich gerade gnadenlos überfordert.

Aber das ist ja der Grund, warum sie kommt, meine Angst.

Sie kommt nie grundlos. Sie braucht etwas, um sich zu nähren. Ich muss ihr Grund und Boden bieten, damit sie leise ihre Wurzeln schlagen kann. Ihr Gift verschmitzt verspritzen. Tzsssssss… Wie eine flinke Schlange. Es liegt nur an mir selbst. Ich weiss es ja. Ich habe ihr Raum gegeben. Logisch, dass sie sich ihn nimmt. Pech für mich. Hilft mir übrigens herzlich wenig, zu wissen, dass es meine eigene Schuld ist. So kann ich nicht mal gegen Gott und die Welt wettern. Nix. Nur ich mit mir selbst. Und ihr, der fragwürdigen Kumpanin.

Ich habe Angst.

So spreche ich es halt mal aus. Sage es laut in die Welt. Lautstärke mag sie ja nicht. Vielleicht kann ich sie soweit erschrecken, dass sie dann wieder abzieht. Ich könnte sie in Urlaub schicken. Nach Hawaii vielleicht. Weit weg. Klappt eh nicht. Sie ist eher der Typ, der an meinem Rockzipfel klebt, würde ich denn Röcke tragen. Aber egal. Ja! Ich sehe dich! Ich weiss, dass du da bist. Jetzt hier bei mir. Du hast dein Wörtchen zu sagen. Und ja, ich höre dir zu. Aber dann, bitte, ist gut, ja? Dann bitte lass mich weitermachen. Lass mich wieder ins Handeln kommen. Raus gehen und tun. Meine Hände bewegen, sie wissen doch alles, gell? Ich muss ihnen nur vertrauen. Dann wird das schon. Und nicht alles immer auf einmal anschauen. Nicht alles andenken, sondern nur den nächsten klitzekleinen Schritt. Nur soviel, wie ich auch gerade bewältigen kann. Gell? Dann geht das auch wieder. Dann ist auch nicht schlimm, wenn ich was falsch mache. Wenn was nicht klappt. Dann finde ich einfach eine andere Lösung. Es gibt immer Lösungen. Unmengen an Lösungen. Leben ist Lösung par excellence. Na, das klingt doch gut! Das nehm ich mal als Schlusssatz.

Leben ist Lösung par excellence.

Ich geh dann mal los. Lösungen suchen. Mach es dir derweil hier gemütlich. Ich bin heute Abend wieder zurück. Bis dann.
Tschüss.

 


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